Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 1.2, S. 421

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„Die Ereignisse“, schrieb er kurz vor seinem Tode, „werden sich, fürchtʼ ich, langsam, langsam entwickeln, und meine glühende Seele hat an diesen Kinderkrankheiten und chronischen Prozessen keinen Spaß.[1] Es hat aber sicher kaum eine widerlichere Kinderkrankheit der Geschichte gegeben als die gegenwärtige Periode des bürgerlich-feudalen Parlamentarismus, durch die sich zur Umwälzung hindurchzuringen, hindurchzuwaten das moderne Proletariat in Deutschland wie in allen kapitalistischen Ländern verdammt ist. Für diese Periode des Kampfes war Lassalle als Persönlichkeit allerdings nicht geschaffen.

Aber um so mehr tut der heutigen proletarischen Massenbewegung jene „glühende Seele“ not, die in Lassalle lebte und in jedem seiner geschriebenen Worte noch atmet, jene glühende Seele, die es allein verstehen wird, nach Lassalles Ausdruck, „die ganze Macht in eine Faust geballt“, im entscheidenden Augenblick die bürgerliche Gesellschaft zu überwinden und zu siegen.

[Festschrift, März 1904,]
Berlin, S. 7/8.

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[1] Ferd. Lassalleʼs Reden und Schriften. Neue Gesammt-Ausgabe. Mit einer biographischen Einleitung herausgegeben von Ed. Bernstein, Erster Band, Berlin 1892, S. 179.