Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.2, 7., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2000, S. 268

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könne, weil die Liberalen wahrscheinlich in letzter Linie gegen den Reformentwurf stimmen werden. Dieses brillante Argument erinnert lebhaft an den Hinweis Vanderveldes in der „Neuen Zeit“, daß alle Behauptungen von einer Allianz der belgischen Sozialdemokratie mit den Liberalen haltlos seien, weil ja die belgischen Liberalen im Grunde genommen Gegner der Wahlrechtsbewegung seien. In beiden Fällen muß man erstaunt ausrufen: Ja wozu und wieso war dann der Kompromiß der Sozialdemokratie möglich?! Wenn sogar die bayerischen Liberalen gegen den Wahlreformentwurf auftreten, wenn es also auf diese Weise noch deutlicher wird, daß er nur zur Verewigung der Zentrumsherrschaft dienen soll, wie Bebel in der „Neuen Zeit“ schrieb, dann ist die Zustimmung der Sozialdemokraten zu diesem Entwurf ein politisches Rätsel, das außerhalb der bayerischen Grenzpfähle kein Mensch entziffern wird.

Nicht genug. Gerade das Argument der „Münchener Post“ ist der denkbar stärkste Schlag für die Taktik der bayerischen Fraktion. Liegen die Dinge so, daß ohne die Sozialdemokraten die Wahlreform nicht durchgeht, daß sie das Zünglein an der Waage sind, dann haben sie die volle Möglichkeit, die Wahlverschlechterung zu verhindern, eine wirkliche Wahlrechtsreform im Interesse des Proletariats zu erzwingen. Dann erscheinen sie nicht als die schuldlosen Opfer einer volksfeindlichen Majorität, sondern als die eigentlichen verantwortlichen Schöpfer der reaktionären Wahlreform.

So führt die Logik der Tatsachen unter allen Zonen zu gleichen Ergebnissen und der Abrutsch vom prinzipiellen sozialistischen Boden überall zu demselben politischen Verfall. Jaurès, der im ministerialistischen Eifer die Regierungspolitik gegen bürgerliche Radikale, wie Clemenceau, Pelletan, Lacroix, verteidigt, und die bayerischen Parlamentarier, die in ihren Wahlrechtskonzessionen weitergehen als die bayerischen Liberalen – das sind Früchte von demselben Baume der opportunistischen Erkenntnis.

Nun gehört in der bayerischen Angelegenheit das Wort dem Parteitag in Ludwigshafen. Die Kommissionsabstimmung der Fraktion ist bereits Niederlage und Lehre genug für die Partei. Hoffentlich verhütet der Parteitag noch den letzten Schritt, wodurch der Kompromiß perfekt und zu einem Denkmal des politischen Verfalls der Sozialdemokratie wird.

Leipziger Volkszeitung,

Nr. 133 vom 13. Juni 1902.

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