Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 3, S. 417

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Wohl, auch nicht der Stolz auf das Vaterland, auch nicht die Liebe zum Vaterland, auch nicht die freie Bereitwilligkeit, das Land zu verteidigen, sei der Lebensnerv des Staates; nein, der heutige Militarismus, der auf dem Kadavergehorsam der Armee beruht, das ist der Lebensnerv des Staates.

Es erweist sich hier wie schon so vielmal und mehr, als alle unsere Reden [zeigen], wie die Taten und Reden unserer Gegner, der herrschenden Klasse, darnach angetan sind, auch dem Blödesten die Augen zu öffnen, in welcher herrlichen Gesellschaftsordnung wir heute leben.

Parteigenossen! Der Staatsanwalt hat sich ausgespielt in seinem Schlußwort namentlich auf den deutschen Mann, auf den Patrioten, der mir, einer Heimatlosen, gegenüber die Ehre und die Sitte des Deutschen Reiches zu wahren berufen sei. Was die Heimatlosigkeit betrifft, so möchte ich mit dem Herrn Staatsanwalt nicht tauschen. Ich habe eine so große, liebe Heimat, wie sie kein preußischer Staatsanwalt besitzt. (Lebhafter Beifall und große Heiterkeit.) Aber wenn dieser Herr vom Vaterland, von der Notwendigkeit, das Vaterland zu verteidigen, sprach, so antworte ich hier: Niemand hat das Recht, das Wort Vaterland in den Mund zu nehmen, außer uns Sozialdemokraten. („Bravo!“) Was ist das Vaterland anders als die große Masse der arbeitenden Männer und Frauen! Was ist das Vaterland anders als die Hebung des Wohlstandes, die Hebung der Sittlichkeit, die Hebung der geistigen Kräfte der großen Masse, die das Volk ausmacht! Und wer arbeitet daran mit allem Opfermut seit Jahrzehnten im Deutschen Reiche außer der Sozialdemokratie? Wir Sozialdemokraten erlauben uns allerdings, der Meinung zu sein, daß es weder der Menschennatur noch dem Kulturfortschritt entspricht, daß die Völker zueinander wie. reißende Bestien stehen und von Zeit zu Zeit ihre Konflikte auf dem Wege des blutigen Massenmordes lösen. Wir sonderbaren Schwärmer erlauben uns, der Meinung zu sein, daß es der menschlichen Natur und dem Kulturfortschritt des 20. Jahrhunderts viel mehr entspricht, daß alle Völker und Rassen der Erde mit brüderlich friedlicher Solidarität gemeinsam die menschliche Kultur vorwärtstreiben. Aber freilich, wir Sozialdemokraten sind nüchterne Realpolitiker, wir leben nicht im Wolkenkuckucksheim, sondern wissen ganz gut, daß hienieden auf der festen Erde, auf der wir stehen, ein solcher Zustand des ewigen Friedens, wie ihn die größten deutschen Klassiker und Philosophen, wie zum Beispiel ein Kant, voraussagten, nicht möglich ist, bis der Kapitalismus mit Stumpf und Stiel ausgerottet sein wird. Wir wissen sehr wohl, daß wir den ewigen Frieden, die internationale Solidarität erst dann zu Fleisch und Blut machen können, wenn es uns gelingen wird,

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