Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 3, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2003, S. 131

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zu erinnern, ich erinnere an die Wahl in Gießen-Nidda[1], um zu wissen, wieviel Disziplin von den fortschrittlichen Wählern zu erwarten ist. Der Parteivorstand hat aber die schönen Versprechungen der Fortschrittler für bare Münze genommen und darauf verzichtet, daß öffentlich eine Parole zugunsten der Sozialdemokratie herausgegeben wurde. Der Parteivorstand hat bei dem Abkommen auch zugestanden, daß in 16 Wahlkreisen, in denen wir im Kampfe gegen die Fortschrittler standen, der Kampf eingestellt wurde, damit unser Kandidat unterliegen, der fortschrittliche dagegen den Sieg davontragen sollte. („Hört! Hört!“ Pfuirufe.) Die Rednerin verliest diese Stelle des Abkommens, in der es heißt:

„Wir verpflichten uns dafür, in 16 Wahlkreisen, wo wir gegen die Fortschrittliche Volkspartei in Stichwahl stehen, den Wahlkampf zu dämpfen.“

Das ist ein Ausdruck, der zum ersten Mal in die sozialdemokratische Kampfpraxis aufgenommen worden ist; bis jetzt haben wir nichts gedämpft. („Sehr richtig!“) Dann heißt es in den Mitteilungen des Vorstandes über dieses Abkommen an die Presse: „Wir haben uns dagegen verpflichtet, in den vorher bezeichneten 16 Wahlkreisen bis zur Stichwahl keine Versammlung abzuhalten, kein Flugblatt zu verbreiten, keine Stimmzettel den Wählern zuzustellen und am Wahltage selbst keine Schlepperdienste zu verrichten, wogegen es uns freisteht, am Wahltage vor den Wahllokalen Stimmzettel zu verbreiten.“[2]

Seit die deutsche Sozialdemokratie besteht, haben wir eine solche Politik noch nicht betrieben, und ich will hoffen, daß die Massen auf dem Posten sind, um zu verhüten, daß ein solches Beispiel Schule macht. („Sehr richtig!“) Wir sollen den Wahlkampf dämpfen! Stellen Sie sich vor einen Wahlkreis, in dem ein Genosse als Kandidat figuriert, für den die eigenen Parteigenossen nichts tun dürfen. Der Parteivorstand sagt freilich, wir haben den Fortschrittlern lauter Wahlkreise zugestanden, in denen sowieso für uns keine Aussicht bestand, es waren aber Wahlkreise darunter, in denen wir vor den Fortschrittlern einen Stimmenvorsprung hatten. Bis jetzt war für uns das Mandat nicht das erste, sondern das letzte im Wahlkampf, als das erste gilt immer die Agitation als das Mittel zur Aufklärung und Aufrüttelung der Massen. Was von den fortschrittlichen Versprechungen zu halten ist, zeigt die Tatsache, daß die Fortschrittler am ersten Stichwahltage 16 Wahlkreise an die Reaktion ausge-

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[1] Siehe S. 103, Fußnote 2.

[2] Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. IV, Berlin 1967, S. 395.