Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 3, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2003, S. 10

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halb, weil wir dazumal noch in gar wenige Dörfer Eingang fanden. Und was war doch der „vaterländische Krieg mit dem Erbfeind“ gegen die platte Farce der Mannesmann-Firma und ihrer jungen Leute im heutigen Auswärtigen Amt!

Sündigt die besprochene Stellungnahme durch zu geringes Vertrauen in die siegreiche Kraft unsrer Losungen, so scheint sie uns anderseits die Wirkung der Kapitalsinteressen als Friedensgarantie stark zu überschätzen. Es mag stimmen, daß sich die auswärtige Politik der Bethmann und Kiderlen lediglich die Spanne zwischen den zwei Cliquen der Minenausbeutung auszumessen getraut, aber das Spiel auf dem vulkanischen Boden der internationalen Gegensätze ist selbst für größere Geister als diese Kommis des Kapitalismus ein Spiel mit verbundenen Augen. Nicht Mannesmann und Thyssen allein entscheiden über den weiteren Gang des Abenteuers, das wie alle weltpolitischen Vorstöße leicht den eigenen Arrangeuren über den Kopf wachsen und sich aus einem frivolen Spielen mit Zündhölzern zum Weltenbrand auswachsen kann. Kann doch leicht der Schwerpunkt der Situation schon durch irgendwelche „Konzessionen“ nach Südafrika oder einem andern Weltteil verlegt werden, um ganz neue Konflikte zu schaffen. Deshalb ist es unseres Erachtens Pflicht der Sozialdemokratie, nicht die öffentliche Meinung zu beruhigen, sondern umgekehrt, sie aufzurütteln und vor den in jedem solchen Abenteuer der heutigen Weltpolitik schlummernden Gefahren zu warnen. Nicht auf die Friedensinteressen irgendeiner Kapitalistenclique, sondern lediglich auf den Widerstand der aufgeklärten Volksmassen als Friedensfaktor geziemt es uns zu rechnen. Durch das Ruhegebot kämen wir jetzt übrigens sichtlich den Wünschen der Lenker der Marokkopolitik entgegen. Das allgemeine Schweigen im Walde, das sich die zwei Hohenpriester der Kolonialpolitik, Cambon und Kiderlen, ausgebeten haben, um hinter dem Rücken der Volksvertretungen und der Öffentlichkeit ihren Hokuspokus ungestört auszuführen[1], ist ein Fingerzeig mehr, daß die Taktik der Arbeiterparteien das gerade Gegenteil gebietet: einen lauten Appell an die öffentliche Meinung, die vor vollendete Tatsachen gestellt werden soll. In diesem Sinne war auch z. B. die vom „Vorwärts“ zuerst aufgestellte Forderung

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[1] Während der Marokkokrise verhandelten der französische Botschafter in Deutschland Jules Cambon und der Staatssekretär des Äußeren Alfred von Kiderlen-Wächter hinter verschlossenen Türen über Kompensationen im Kolonialbesitz. Diese Verhandlungen führten am 4. November 1911 zu den Marokko- und Kongoabkommen zwischen Deutschland und Frankreich. Im Marokkoabkommen stimmte Deutschland der Beherrschung Marokkos durch Frankreich zu, während Frankreich das Prinzip der „offenen Tür“ für Marokko garantierte. Im Kongoabkommen wurde ein Gebietsaustausch in Äquatorialafrika vereinbart, durch den Deutschland gegen Territorien im Tschadgebiet einen zwar größeren, wirtschaftlich aber wertlosen Teil von Französisch-Kongo erhielt.