Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 3, S. 99

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Achtstundentag. Es ist klar, daß die heutige Machtstellung der Sozialdemokratie ein viel energischeres Vorgehen erheischt: das Einbringen eines eigenen Gesetzentwurfes auf Einführung des achtstündigen Arbeitstags. Durch einen solchen Entwurf werden wir am meisten den frisch zu uns gestoßenen proletarischen Scharen aus dem Herzen sprechen, die früher dem Zentrum anhingen; durch ihn werden wir am besten unsere Gewerkschaften fördern, die ihren vollen Anteil an unserem Wahlsieg haben und jetzt auch die Früchte dieses Sieges zu ernten berechtigt sind. Es könnte auch keine günstigere wirtschaftliche Situation für eine umfassende Achtstundenagitation von der Parlamentstribüne und im Lande geben als gerade die jetzige. Wir leben in einer Periode glänzenden industriellen Aufschwungs. Die starke Anspannung der Produktion in den beiden führenden Industriezweigen: der Kohlen- und Eisenindustrie; die höchsten Ein- und Ausfuhrziffern, die Deutschland im letzten Jahre erreicht hat; die Kapitalserhöhungen der Banken und der großen Aktiengesellschaften; die hohen Dividendenziffern – alles zeigt, daß das Kapital wieder einmal goldene Ernten einheimst. Diese Gunst der wirtschaftlichen Lage zusammen mit dem gewaltigen Machtzuwachs der Sozialdemokratie muß in eine energische Aktion für den Achtstundentag umgesetzt werden. Sie bedarf des parlamentarischen Vorstoßes, unsere Fraktion im Parlament muß die Wortführerin, das Sprachrohr einer großen Massenagitation im ganzen Reiche sein.

Offensive auf der ganzen Linie: im preußischen Wahlrechtskampf, im Kampfe gegen Imperialismus, im Kampfe um billiges Brot und in der positiven Arbeit der Sozialpolitik! Beispiellos wie unser Wahlsieg muß die Entschlossenheit und Schärfe unserer parlamentarischen und außerparlamentarischen Aktion sein. Nicht in grotesken Blockspekulationen mit den jämmerlichen liberalen Mandatsjägern, sondern in einer selbständigen, kühnen und grundsätzlichen Klassenkampftaktik müssen wir der Internationale vordemonstrieren, wie die Partei des Proletariats parlamentarische Mittel für das revolutionäre Endziel der Sozialdemokratie auszunutzen vermag.

Die Gleichheit (Stuttgart),

22. Jg. 1912, Nr. 10, S. 145–147.

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