Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 3, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2003, S. 441

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bis er bleich und zitternd die Tribüne verlassen mußte. Aber das deutsche Bürgertum quittiert hier wieder nur über Fußtritte, die es durch sein freiwilliges inbrünstiges Kuschen vor dem Militarismus förmlich erbittet. Die jüngsten Wahlen in Schweden haben in schlagender Weise denselben inneren Zusammenbruch des Liberalismus erwiesen[1], wie er schon durch die letzten Wahlen in Belgien[2], in Deutschland[3] aufgezeigt worden war. In Schweden wie anderswo ergreift das Bürgertum eine Massenflucht aus dem Lager des Liberalismus, um unter den Fahnen der offenen Reaktion dem Götzen Militarismus Opfer zu bringen. Was für Ratschläge gibt nun der deutsche Liberalismus seinem schwedischen Bruder in dieser tristen Lage, auf welchen Weg weist er ihn weiterhin? „Es ist der Weg, der zur Verständigung mit der Rechten führt.“ „Da beide Parteien, Liberale wie Konservative, im Grunde das gleiche wollen, so wäre es das Nächstliegende, daß sie sich zu gemeinsamer Lösung der Rüstungsfrage grundsätzlich bereit erklärten.“ Den schwedischen Liberalen, die ja in diesem Wahlkampf die Verfassungsrechte gegen das persönliche Regiment auf ihren Schild erhoben, wird gesagt, „sie könnten aus der preußischen Geschichte lernen, daß kein Gegenstand zu verfassungstheoretischen Haarspaltereien ungeeigneter sei als die Frage der Wehrkraft“. Die Verteidigung des Parlamentarismus gegen das persönliche Regiment, der Verfassung gegen die Militärdiktatur – das sind „theoretische Haarspaltereien“ und die einzige „reale“ Politik, das ist der liberal-konservative Block unter den Fahnen des Militarismus! Wollen doch Liberale und Konservative „im Grunde“ ein und dasselbe! So schrieb neulich im redaktionellen Leitartikel das „Berliner Tageblatt“, Organ des linken Flügels des deutschen Liberalismus. Es wäre ja geradezu ein Wunder, wenn der deutsche Militarismus auf diesen liberalen Backen, die das Erröten der politischen Scham verlernt haben, nicht sofort die richtige. Antwort erschallen ließe, wie sie tatsächlich eine Woche nach jenem Artikel der Generalmajor im Reichstag gegeben hat.

So drückt die erbarmungslose Walze der imperialistischen Entwicklung Tag um Tag das gesamte Bürgertum von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken zu einer reaktionären Masse platt und zugleich dadurch das Parlament und die Verfassung zu einer Fußmatte für den militaristischen Kürassierstiefel. Und jeder weitere Schritt auf diesem Wege macht

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[1] Im September 1912 waren in Schweden Wahlen zur Ersten Kammer durchgeführt worden, bei denen die Konservativen 88, die Liberalen 49 und die Sozialdemokraten 13 Sitze erobern konnten.

[2] Fritz Puchta: Die Landtagswahlen in Bayern. In: Die Neue Zeit (Stuttgart), 30. Jg. 1911/12, Erster Band, S. 924–934. – Im Dezember 1911 hatte der Landesvorstand der bayrischen Sozialdemokratie ohne Rücksprache mit den unteren Instanzen und gegen den Willen großer Teile der Mitgliedschaft mit den Liberalen, dem bayrischen und dem deutschen Bauernbund ein Kompromiß für die Landtagswahlen in Bayern abgeschlossen. Trotz dieses Wahlbündnisses konnte das Zentrum bei den Wahlen am 5. Februar 1912 die absolute Mehrheit der Landtagsmandate erobern.

[3] Die Reichstagswahlen wurden am 12. Januar 1912 durchgeführt. Die Sozialdemokratie konnte dabei 4,2 Millionen Stimmen gegenüber 3,2 Millionen im Jahre 1907 erringen und die Zahl ihrer Mandate von 43 auf 110 erhöhen. Sie wurde damit die stärkste Fraktion des Reichstags.