Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 3, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2003, S. 35

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zende englische Kolonialpolitik" ein für allemal für andre Staaten unerreichbar sei, daß die Zeiten der fetten Kühe der Weltpolitik vorbei seien. Die englische Kolonialpolitik beruhte auf der kriegstechnischen Wehrlosigkeit der außereuropäischen Nationen und auf ihrer zurückgebliebenen staatlichen Organisation, seitdem aber werden im Orient überall europäische Technik und europäische Einrichtungen eingeführt, und da ist Kolonialherrschaft nicht mehr möglich. Damit ist das Problem der Weltpolitik erschöpft! Es gehörte der Raum des ganzen Flugblatts dazu, um alle die historischen Schiefheiten zu erörtern, die in dieser kurzen Formulierung des Problems eingeschlossen sind. Jedenfalls wird man bei den Versicherungen des Flugblatts von der Unwissenheit der bürgerlichen Parteien in weltpolitischen Fragen unwillkürlich verlegen. Doch das Wichtigste: Auch in diesem Knäuel von historischen Schiefheiten kommt nur zum Ausdruck die grundsätzlich verfehlte Basis, von der aus die Weltpolitik angegriffen wird. Es wird hier nur mit dem abgebrauchten Schema gearbeitet, wonach die Kolonialpolitik ein schlechtes Geschäft für alle sei. Danach bekämpfen wir die Kolonialpolitik nur, weil sie nichts einbringt, und so wird den Massen bewiesen, um sie der Kolonialpolitik abhold zu machen, daß diese auch wirklich nichts mehr einbringen kann. Die andre Seite dieser Auffassung ist, daß das Interesse der Bourgeoisie an der Weltpolitik mit direktem klingendem Profit, mit nacktem Tascheninteresse identifiziert wird, woraus sich ergibt, daß von der ganzen bürgerlichen Gesellschaft nur eine Handvoll Flottenlieferanten die Weltpolitik stützen, die im übrigen in der Luft hängt, während die Begeisterung aller besitzenden Klassen auf Unwissenheit, Servilität und dergleichen lauter psychologischen Grundlagen beruht.

Fügen wir noch hinzu, daß in dem ganzen Flugblatt nicht ein Wort von den Völkern, von den Eingeborenen der Kolonien, von ihren Rechten, Interessen und Leiden infolge der Weltpolitik gesagt wird, daß das Flugblatt mehrmals von der „glänzenden englischen Kolonialpolitik“ spricht, ohne den periodischen Hungertyphus der Inder, die Ausrottung der Eingeborenen Australiens, die Nilpferdpeitsche auf dem Rücken der ägyptischen Fellahs zu erwähnen; fügen wir hinzu, daß in dem Flugblatt nicht ein Wort von der beschämenden Lage des deutschen Volkes gesagt wird, das völlig unmündig der Entscheidung Kiderlens in der Marokkofrage harrt, nicht ein Wort von der kläglichen Rolle des Reichstags und der Notwendigkeit seiner Einberufung, nicht ein Wort von dem persönlichen Regiment der Monarchie und seiner Rolle in der Weltpolitik und schließlich – nicht ein Wort vom Sozialismus und seinen Zielen!

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