Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 3, S. 315

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der Massen für das preußische Wahlrecht wecken. Nur dieser „Anschauungsunterricht“ vermag entschlossene Kämpfer für das preußische Wahlrecht zu schaffen. Also ohne „positive Errungenschaften“ versteht die Masse den Wert der parlamentarischen Tätigkeit nicht? Nun, wie sind wir denn zu unseren 41/4 Millionen Stimmen zum Reichstag gekommen? Wie sind wir seit 40 Jahren von Wahlsieg zu Wahlsieg vorgeschritten, ohne daß wir bis jetzt, wie Kautsky selbst zugibt, im Reichstag irgendwelche namhafte „positive Arbeit“ haben verrichten können? Haben wir vielleicht nach dem Kautskyschen Rezept die Massen durch den Köder „positiver Errungenschaften“ für den Gebrauch ihres Wahlrechtes zu gewinnen gesucht? Hören wir wieder, was Bebel darüber schon in Erfurt 1891 gegen Vollmar ausführte:

„Für uns aber handelt es sich darum, daß wir den Massen zeigen, wie ihnen die Gegner auf ihrem eigenen Boden die elementarsten und gerechtfertigtsten Forderungen verweigern. Diese Aufklärung der Massen über unsere Gegner ist die Hauptaufgabe für unsere parlamentarische Tätigkeit und nicht die Frage, ob zunächst eine Forderung erreicht wird oder nicht. Von diesen Gesichtspunkten aus haben wir unsere Anträge stets gestellt … Und unsere Tätigkeit in diesen Dingen hat in den weitesten Kreisen der Arbeiter, wie zahlreiche Zuschriften beweisen, die allergünstigste Beurteilung gefunden. Wir haben also stets den Standpunkt vertreten, es handelt sich zunächst nicht darum, ob wir dies oder jenes erreichen; für uns ist die Hauptsache, daß wir gewisse Forderungen stellen, die keine andere Partei stellen kann.“[1] (Protokoll des Erfurter Parteitags, S. 174.) [Hervorhebungen – R. L.]

Es war also nicht die „positive Arbeit“, sondern die aufklärende Agitation im Reichstag, was uns die wachsenden Scharen der Anhänger bei den Wahlen gewonnen hat. Die Opportunisten in der Partei waren es bis jetzt, die behaupteten, den Massen müsse man unbedingt mit „positiven Errungenschaften“ in der Hand kommen, sonst wird uns das Volk „nicht verstehen“. Die Partei in ihrer Mehrheit hat es stets verschmäht, die Massen durch Verheißungen „positiver Errungenschaften“ zu ködern. Und doch haben wir Millionen Wähler gewonnen, und doch haben wir unter stürmischer Zustimmung der Massen schon 1905 erklärt, zur Verteidigung dieses Reichstagswahlrechtes, das fast noch keinen Deut an „positiven Errungenschaften“ eingebracht hat, müsse das Äußerste getan werden.[2]

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[1] Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Erfurt vom 14. bis 20. Oktober 1891, Berlin 1891, S. 174.

[2] Die auf dem Parteitag der deutschen Sozialdemokratie vom 17. bis 23. September 1905 in Jena beschlossene Resolution bezeichnete die umfassendste Anwendung der Massenarbeitseinstellung als eines der wirksamsten Kampfmittel der Arbeiterklasse, beschränkte allerdings die Anwendung des politischen Massenstreiks im wesentlichen auf die Verteidigung des Reichstagswahlrechts und des Koalitionsrechts.