Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 3, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2003, S. 310

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Kautsky beruft sich freilich auf den Bergarbeiterstreik[1]. Dieser habe deutlich gezeigt, daß wir uns auf keine andere Macht verlassen dürfen als auf unsere eigenen Organisationen. Nun, es wäre noch zu untersuchen, inwiefern zu dem Mißlingen des Bergarbeiterstreiks nicht gerade die zaghafte, bremsende Leitung beigetragen hat, die seit Jahren jede große Auseinandersetzung zu lokalisieren und hinauszuschieben, ihr jeden politischen Charakter zu nehmen sucht, auf diese Weise aber den Massen nur den Elan und die Sicherheit nimmt. Ich halte es auch da mit dem früheren Kautsky, der 1905 über „Die Lehren des Bergarbeiterstreiks“ im Ruhrrevier[2] schrieb:

„Nur auf diesem Wege lassen sich erhebliche Fortschritte für die Bergarbeiterschaft erzielen. Der Streik gegen die Grubenbesitzer ist aussichtslos geworden; der Streik muß von vornherein als politischer auftreten, seine Forderungen, seine Taktik müssen darauf berechnet sein, die Gesetzgebung in Bewegung zu setzen … Diese neue gewerkschaftliche Taktik – die des politischen Streiks –, der Verbindung von gewerkschaftlicher und politischer Aktion, ist die einzige, die den Bergarbeitern noch möglich bleibt, sie ist überhaupt diejenige, die bestimmt ist, die gewerkschaftliche wie die parlamentarische Aktion neu zu beleben und der einen wie der anderen erhöhte Aggressivkraft zu geben.“[3]

Schließlich muß Kautsky selbst, wenn er die Bedingungen des Massenstreiks auch in Deutschland näher angeben soll, zum folgenden Resultat kommen:

Im allgemeinen kann man von ihm sagen, die Vorbedingung seines Gelingens ist eine Situation, die die Arbeiterklasse so sehr erregt, daß alle ihre Schichten einmütig nach den schärfsten Mitteln der Aktion verlangen: die Parteigenossen nicht nur, sondern auch die freien Gewerkschaften, ja die Masse in den gegnerischen Organisationen und die unorganisierten Massen selbst.

Hört! Hört! Also die Vorbedingung eines siegreichen Massenstreiks stellt sich auch in Deutschland letzten Endes als ein einmütiges Zusammenwirken sowohl der Organisierten wie der „Schwachen, Feigen, Un-

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[1] Im Frühjahr 1912 standen in mehreren europäischen Ländern Millionen Bergarbeiter im Streik für höhere Löhne und für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen. Größeren Umfang nahm der Kampf in England und Deutschland an, wo eine Million bzw. 250 000 Arbeiter beteiligt waren und teilweise Polizei und Militär gegen die Streikenden eingesetzt wurde, ohne daß es gelang, die Kampffront zu brechen. In England wurde die Regierung zu einem Kompromiß gezwungen und beschloß innerhalb ungewöhnlich kurzer Zeit ein Gesetz über Mindestlöhne für Bergarbeiter; im Ruhrrevier in Deutschland endete der Streik dagegen mit einer Niederlage der Arbeiter, da die Gewerkschaftsführer gegen den Willen der Bergarbeiter den Streik abbrachen.

[2] Vom 7. Januar bis 19. Februar 1905 hatten etwa 215 000 Bergarbeiter im Ruhrrevier für den Achtstundentag, für höhere Löhne und für Sicherheitsvorkehrungen gestreikt. An diesem Ausstand waren gemeinsam die freigewerkschaftlichen, die christlichen und Hirsch-Dunckerschen Bergarbeiterverbände, die Polnische Berufsvereinigung sowie unorganisierte Arbeiter beteiligt. Die von reformistischen Gewerkschaftsbeamten und den Führern der bürgerlichen Gewerkschaften beherrschte Streikleitung beschloß den Abbruch des Streiks und machte ihn dadurch ergebnislos.

[3] Karl Kautsky: Die Lehren des Bergarbeiterstreiks. In: Die Neue Zeit (Stuttgart), 23. Jg. 1904/05, Erster Band, S. 780 f.