Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 3, S. 247

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daß in bezug auf die Anwendung des Massenstreiks, seine Bedingungen und Zwecke bei Anhängern wie bei Gegnern in unsern Reihen noch eine heillose Unklarheit herrscht.

Die Vorstellung zum Beispiel, daß sich der Massenstreik in Preußen mit dem Großblock in Baden[1] verbinden lasse, zeugt von einer rein mechanischen und oberflächlichen Auffassung des Massenstreiks, die von tieferen geschichtlichen Zusammenhängen der Massenaktionen, von der Massenpsychologie des proletarischen Klassenkampfes völlig absieht. Nach dieser Vorstellung werden die Massen dort, wo die Staatsmannskunst und Diplomatie der Parlamentarier versagt, wie Schachfiguren vorgeschoben, um auf Kommando der Führer dem Feinde Schreck einzujagen, und, sobald das Paktieren und Handeln mit dem mürbe gemachten Feinde beginnt, schleunigst wieder vom Schauplatz abzutreten und sich bis zum nächsten Kommando fein still zu verhalten.

Wenn nichts mehr hilft, dann „machen wir“ einen Generalstreik – das ist so recht die rohe Auffassung des Anarchismus. In Wirklichkeit ist der Massenstreik nicht ein schlau ersonnenes „äußerstes Mittel“, zu dem man mal in Ausnahmefällen greift, eine Art schwere Vorratskanone, die aus dem entlegensten Winkel hervorgeschleppt wird, wenn alle andern Waffen versagt haben. Der Massenstreik als Praxis des Proletariats ist eine geschichtliche Entwicklungsphase des allgemeinen Klassenkampfes, nämlich die Phase der selbständigen Aktion der proletarischen Masse, der äußersten Verschärfung des Klassenkampfes im ganzen.

Speziell in Preußen greift man jetzt von allen Seiten zur Idee des Massenstreiks deshalb, weil jede Hoffnung auf die Ergiebigkeit der parlamentarischen Aktion, auf die Unterstützung der Liberalen geschwunden ist, weil die jämmerliche Haltung und der reaktionäre Charakter des Liberalismus im ganzen Reich, namentlich auch wieder in den Kämpfen um die Militärvorlage[2] zeigt, daß die Arbeiterklasse ganz allein auf sich angewiesen ist, der vereinigten bürgerlichen Reaktion gegenüber isoliert dasteht. In dem gleichen Moment aber, wo in der Budgetkommission die Liberalen, statt gemeinsam mit der Sozialdemokratie fortschrittliche Besitzsteuern dem Zentrum und den Konservativen aufzuzwingen, hinter dem Rücken der Sozialdemokratie mit dem Zentrum ein Steuerkompromiß zur Schonung der junkerlichen Interessen schließen, in diesem Moment in Baden mit denselben Liberalen einen Wahlblock zur Zertrümmerung der „Herrschaft des Zentrums“ abschließen, in Süddeutschland

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[1] Unter dem Vorwand, den reaktionärsten Parteien, den Konservativen und dem Zentrum, eine „aktionsfähige Mehrheit“ entgegenzustellen, hatten die Sozialdemokraten im badischen Landtag 1910 mit den Liberalen einen Block gebildet. Mit diesem „Großblock“, der anläßlich der Landtagswahlen 1913 erneuert wurde, setzten sie sich in Widerspruch zu den Grundsätzen und Beschlüssen der Sozialdemokratischen Partei und unterstützten die Politik der bürgerlichen Regierung.

[2] Ende März 1913 war im Reichstag eine Militär- und Deckungsvorlage eingebracht worden, die die größte Heeresverstärkung seit Bestehen des Deutschen Reiches vorsah. Ein Teil der zusätzlichen finanziellen Mittel sollte durch einen außerordentlichen Wehrbeitrag und durch Besteuerung aller Vermögen über 10 000 Mark aufgebracht, der übrige Teil auf die Schultern der werktätigen Bevölkerung abgewälzt werden. Am 30. Juni wurde die Militär- und Deckungsvorlage im Reichstag angenommen. Die sozialdemokratische Fraktion lehnte die Militärvorlage ab, stimmte aber einer einmaligen Vermögensabgabe [dem sogenannten Wehrbeitrag] und einer Vermögenszuwachssteuer zur Finanzierung der Heeresvorlage zu. Der Abstimmung waren scharfe Auseinandersetzungen in der Fraktion vorausgegangen, die damit endeten, daß mit Verweis auf die Fraktionsdisziplin der Widerstand von 37 Abgeordneten unterdrückt wurde. Diese Zustimmung zu den Gesetzen bedeutete das Aufgeben des Grundsatzes „Diesem System keinen Mann und keinen Groschen!“