Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 3, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2003, S. 198

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Die Begeisterung, die Geschlossenheit, die Zähigkeit dieses Proletariats hat sich seit über zwanzig Jahren, namentlich auch im Gebrauch der Waffe des Massenstreiks, so häufig erprobt und bewährt, daß das Zustandekommen und der Verlauf des Aprilstreiks nur eine neue Bestätigung dieser alten Kampftüchtigkeit, keine neue Errungenschaft war. Freilich liegt ein großer Teil der Bedeutung jedes Massenstreiks in seinem Zustandekommen selbst, in dem Akt der politischen Massenaktion, der sich darin äußert – soweit es sich um spontane oder auf Geheiß der Partei in kurzer Zeit in der Kampfstimmung zustande kommende Kundgebungen handelt. Wo hingegen der Streik von sehr langer Hand ganz methodisch und systematisch vorbereitet wurde, und zwar ausdrücklich zu dem bestimmten politischen Zwecke, die seit zwanzig Jahren festgefahrene Frage der Wahlrechtsreform vorwärtszustoßen, da erscheint es etwas seltsam, den Streik gewissermaßen als Selbstzweck zu feiern, den eigentlichen Zweck aber, das parlamentarische Resultat, das erzwungen werden sollte, als nebensächliche Lappalie zu behandeln.

Diese Verschiebung in der Beurteilung der Situation ergab sich denn auch aus der Zwangslage, in der sich die belgische Bruderpartei nach anderthalb Wochen des Generalstreiks befand. Aus der ganzen Situation wie aus allen Reden auf dem Brüsseler Parteitag ergibt sich klar: Der Generalstreik wurde am 24. April nicht abgebrochen, weil man irgendeinen namhaften Sieg errungen zu haben wähnte, vielmehr nahm man den ersten Schein einer Konzession auf seiten des Parlaments eilends wahr, um seinerseits den Generalstreik abzurüsten, da man in den Führerkreisen das deutliche Gefühl hatte, daß die längere Dauer des Generalstreiks leicht ins uferlose gehen könnte, ohne doch ein namhafteres Resultat zu erzielen.

Soll man es den belgischen Parteiführern übelnehmen, daß sie für den Abbruch des Generalstreiks die erste Gelegenheit ergriffen, da ihnen seine Fortdauer aussichtslos und ungewiß erschien? Oder soll man ihnen verargen, daß sie nicht an die siegreiche Macht des unbestimmt und „bis zum Siege“ fortgesetzten methodischen Streiks glaubten? Das gerade Gegenteil muß ausgesprochen werden: Schon lange vor Beginn des Aprilstreiks, schon nach der ganzen Art und Weise, wie dieser Streik vorbereitet wurde, im Zusammenhang mit den Schicksalen des Wahlrechtskampfes in Belgien und seiner Taktik in den letzten zehn Jahren mußte jeder aufmerksame Beobachter die stärksten Zweifel an der Wirksamkeit des neuesten Experiments hegen. Heute, wo die Probe aufs Exempel stattgefunden hat und wo die belgischen Genossen meinen, auf jeden Fall

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