Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 3, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2003, S. 122

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ist der Zusammenbruch – nicht des Schwarz-Blauen Blocks, sondern der „linken Mehrheit“. Und sie findet ein entsprechendes klägliches und possenhaftes Ende. Wäre die Taktik nur auf die Fortschrittler gestützt, so hätte sie bei der ersten Militärvorlage Schiffbruch erlitten. Da sie auch auf den Nationalliberalen als ihren Pfeilern ruhte, so hat es nicht einmal einer wichtigen politischen Entscheidung, eines großen Gegenstandes bedurft. Formalien und Lappalien des chinesischen Zeremoniells der Monarchie haben ausgereicht, um die „linke Mehrheit“ in Dunst aufzulösen. Das Bild, das der Reichstag seit seinem Zusammentritt und bis zur Auseinandersetzung zwischen uns und den Nationalliberalen über die Couloirgespräche und -verhandlungen bot, hat wahrlich alles andre denn einen erhebenden Eindruck gemacht. Von der Größe unseres Wahlsieges ist im Reichstag noch herzlich wenig zu spüren gewesen; darüber können auch nicht so krasse Übertreibungen hinweghelfen wie die Versicherung unseres Zentralorgans, die bürgerlichen Parteien hätten so etwas wie das Totenglöcklein der bürgerlichen Gesellschaftsordnung gehört, als Genosse Scheidemann die Reichstagsglocke mit meisterlicher Hand schwang. Auf einen großen historischen Augenblick, auf die Feuerzeichen des Klassenkampfes am 12. Januar folgte ein verwirrendes und verunglücktes Experiment mit der „Linken“, das in einer jämmerlichen Katzbalgerei derselben nationalliberalen Helden endete, auf die unsre Taktik am andern Tage nach dem Wahlsiege gebaut war. Die Politik der „linken Mehrheit“ endet, bevor sie angefangen hat. Ihr Gedanke selbst ist unverzeihlich für ernste Führer der größten politischen Partei der Welt. Wir Sozialdemokraten sind ja freilich nicht umzubringen – nicht durch Nücken und Tücken der Feinde und nicht einmal durch eigene Dummheiten. Trotz der momentan angerichteten Verwirrung stehen wir im Lande und im Reichstag so kräftig und glänzend da wie je. Es ist die große Tat der proletarischen Masse am 12. Januar, deren strahlender Glanz schließlich doch über die kleinen Taten unsrer Führer hinweg das blendende Licht verbreitet, und es ist die große Wahrheit unsrer Grundsätze, die gegen unsre eigenen Zweifel triumphiert. Wohlgemerkt, wir tadeln unsern Parteivorstand nicht etwa, weil er sich in der ganzen Taktik mit den Liberalen wenig schlau erwiesen hat. Wir bedauern nur, daß er überhaupt hat schlau sein wollen. Denn wie Lassalle im „Sickingen“ sagt: Denn manchem hat’s den Hals gekostet, in großen Dingen schlau zu sein. Etwas weniger Geschäftigkeit in der parlamentarischen Kulissenschieberei, weniger sprunghaften Glauben an eine „neue Ära“ bei jedem nichtigen Windstoß, der die Spreu der Tagespolitik nach rechts oder nach links wirbelt, dafür mehr ruhige

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