Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 3, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2003, S. 112

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Fortschritte. Stimmen in der Hauptwahl Stimmenzuwachs in der Stichwahl
Bitterfeld 6 670 Soz. 3 283
Reichsp. 3 591
Elberfeld-Barmen[1] Nat.-Lib. 11543 Soz. 2 579
Zentr. 6 046 Reichsp.16 625

[1] Auch Elberfeld wie Calau-Luckau wurden in die Abmachung einbegriffen, wobei man auf die fortschrittlichen Wähler der nationalliberalen Kandidaten zählte. [Fußnote im Original]

So übte allenthalben die Mehrheit der Fortschrittler an der Sozialdemokratie und dem abgeschlossenen Abkommen formellen Verrat. Nur in Köln, Heilbronn, Straßburg-Land und etwa Düsseldorf und Calau-Luckau ist die Tugend der Fortschrittler so weit gegangen, daß einige mehr von ihnen für uns als für den reaktionären Gegner stimmten. Das Stichwahlabkommen ist also nicht in einem einzigen Kreise von den Fortschrittlern voll eingehalten und in allen Kreisen außer etwa vier direkt schmählich verraten worden.

Wie das kam, darüber belehren uns zur Genüge zwei Proben.

Die „Leipziger Volkszeitung“ hat am 23. Januar mitgeteilt[1], daß die Fortschrittler in Ueckermünde-Wollin trotz der allgemeinen fortschrittlichen Wahlparole die Stimmabgabe freigaben und daß eine Aufforderung des Vorsitzenden des preußischen Provinzialverbands der Fortschrittspartei, Herrn Dohrn, dafür zu sorgen, daß der konservative Kandidat nicht gewählt werde, von der fortschrittlichen Wahlkreisleitung und von den liberalen Blättern des Kreises einfach unterschlagen wurde.

Zweites Beispiel: Im Kreise Mansfeld hatten die Parteigenossen, da die fortschrittliche Kreisleitung für uns nicht einen Finger rührte, selbst den Wahlaufruf des Hauptausschusses der Fortschrittlichen Volkspartei als Flugblatt zu verbreiten gesucht. Darauf erschien prompt am Stichwahltage, am 20. Januar, in dem schmutzigen Amtsblättchen von Eisleben, der geistigen Waffe Arendts, die folgende in auffälliger Schrift gesetzte Anzeige:

„Im Anschluß an unser gestriges Inserat bemerken wir, daß wir für keinen der beiden Kandidaten Parole zur Stichwahl ausgeben, und erklären noch ausdrücklich, um Irrtümern vorzubeugen, daß von unsrer Seite nach der Hauptwahl keine Flugblätter verteilt worden sind.

Der Vorstand des Liberalen Vereins

für den Stadtkreis Eisleben

und die beiden Mansfelder Kreise“

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[1] Ein fortschrittliches Heldenstück. In: Leipziger Volkszeitung, Nr. 18 vom 23 Januar 1912.