Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 3, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2003, S. 27

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der Gleichheit der Rechte“, im Sinne der „höchsten Gebote der Menschlichkeit“ wie der wohlverstandenen materiellen Interessen der Völker, die einzige der Sozialdemokratie und des 20. Jahrhunderts würdige Lösung: Es ist die Algecirasakte![1] Welches Auge bleibt da trocken oder wenigstens ernst?

Die Algecirasakte war der Ausdruck jener weltpolitischen Lage, bei der Frankreich noch nicht offen Marokko als Kolonie an sich raffen konnte, andre Mächte aber um Marokkos willen keine kriegerischen Aktionen unternehmen mochten und konnten. Die internationale Garantie der Aufrechterhaltung der Souveränität des Sultans von Marokko, d. h. der formalen Unabhängigkeit des Landes, die alle Staaten damals „im Namen des Allmächtigen“ geleistet haben, bedeutete ein momentanes bestimmtes Gleichgewicht der Kräfte unter den verschiedenen weltpolitischen Interessen. Aus der Gaunersprache der diplomatischen Kabinette in gewöhnliches Deutsch übersetzt, bedeutete jene „Souveränitätserklärung“ des Sultans von Marokko also folgendes: Einstweilen mag diese Puppe auf ihrem Thrönchen sitzen und als Aushängeschild der Unabhängigkeit Marokkos dienen, denn vorläufig paßt uns die Aufteilung Marokkos nicht in den Kram, wir haben andre Sorgen. Kommt Zeit, kommt Rat, einstweilen auf Wiedersehen bis zur nächsten Gelegenheit!

Daß die Souveränität des Sultans und die Unabhängigkeit Marokkos schon im Moment der Unterzeichnung der Algecirasakte eine schale Farce war, die in der weiten Welt wohl niemand außer Bernstein ernst nahm, daß der Sultan ein bloßer Schürzenstipendiat französischer und deutscher Börsenwölfe, Marokko eine Satrapie des europäischen, in erster Linie französischen Kapitalismus ist, das muß heute jeder einsehen. Seitdem hat sich aber die Lage nach derselben Richtung noch weiter verschoben. Frankreich hat sich in Marokko noch mehr eingenistet, die „Souveränität“ noch mehr zum Popanz gemacht. Und andre Mächte, Deutschland vor allem, haben es ruhig gewähren lassen, weil sie diesmal die Sache bereits für reif und den Zeitpunkt der endgültigen Verschacherung des Landes für gekommen glauben. Die Algecirasakte hat also ihre Arbeit getan, sie konnte gehen. Sie ist durch dieselbe Tendenz der Entwicklung, aus der sie geboren wurde, jetzt überholt. Sie ist ein ausgetretener Hausschuh der Diplomatie geworden, der auf den Kehrichthaufen wandert.

Und diesen edlen Gegenstand erhebt nun Ed. Bernstein als das Banner der sozialdemokratischen Weltpolitik! Aber Bernstein hat an dem verbrauchten Requisitenstück der kapitalistischen Weltpolitik eine wunder-

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[1] Siehe S. 7, Fußnote 3.