Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 3, S. 239

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Minimalforderung ist, mit jener fortschrittlichen „Teilforderung“ vertauschte, just als der Kampf gegen die Militärvorlage aktuell wurde. In welcher Weise diese unangebrachte Bescheidenheit unserseits den französischen Genossen „zugute kommen“ sollte, bleibt ein Geheimnis der Redaktion des „Vorwärts“. Wer eine möglichst scharfe und konsequente Bekämpfung des deutschen Militarismus fordert, der besorgt die Interessen der französischen Chauvinisten; wer aber die sozialdemokratische Aktion in Deutschland im entscheidenden Moment auf liberale „Teilforderungen“ reduzieren will, der fördert die Interessen der französischen Sozialisten! Zu solchen logischen Bocksprüngen kann man wirklich nur in großer Verlegenheit gelangen. Nicht ein Sterbenswort weiß der „Vorwärts“ hingegen sachlich zu erwidern auf die Fragen, weshalb er während der preußischen Wahlen mit höchst revolutionären Phrasen den Mund vollnahm, hingegen die Einschläferung des preußischen Wahlrechtskampfes seit 1910 durch die leitenden Instanzen der Partei[1] eifrig unterstützte; weshalb er die Vernachlässigung der Massenaktionen in Anknüpfung an den Baseler Kongreß[2], die den französischen Genossen schon ganz sicher „zugute gekommen“ wären, stillschweigend mitmachte; weshalb er die Schmach des Zarenbesuches in Berlin[3] nicht einmal durch einen Leitartikel, der Hand und Fuß hätte, von der Partei abgewehrt hat, vielmehr die Passivität der Partei in offiziösen Redensarten zu „begründen“ suchte. Statt dessen produziert der „Vorwärts“ zum Schluß einen Sermon über die Notwendigkeit „einer zähen, unablässigen Aufklärungsarbeit in kleinerem Kreise, in unsern Organisationen, um von hier aus weitere Volksmassen zu ergreifen und mitzureißen“[4]. Soviel weiß jeder sozialdemokratische Versammlungsleiter im kleinsten Dorfe auch schon. Für das leitende Organ der stärksten Partei des Deutschen Reiches finden wir diese Weisheit in der heutigen politischen Situation etwas dürftig.

Leipziger Volkszeitung,

Nr. 132 vom 11. Juni 1913.

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[1] Nachdem der sozialdemokratische Parteivorstand, der Geschäftsführende Ausschuß der preußischen Landeskommission und die Redaktion des „Vorwärts“ im März 1910 beschlossen hatten, den Massenstreik nicht im „Vorwärts“ zu erörtern, um angeblich den Elan der Massen nicht zu hemmen, wurde die Wahlrechtsbewegung nach den Demonstrationen im April 1910 abgebrochen, und die Massen wurden auf die nächsten Reichstagswahlen und den parlamentarischen Kampf vertröstet.

[2] Der Außerordentliche Internationale Sozialistenkongreß in Basel fand vom 24. bis 25. November 1912 statt.

[3] Im Mai 1913 war Wilhelm II. anläßlich einer Hochzeitsfeier mit dem Zaren Nikolaus II. und dem englischen König Georg V. in Berlin zusammengetroffen.

[4] Der Zar in Berlin. In: Vorwärts, Nr. 124 vom 22. Mai 1913.