Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 3, S. 211

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sozialdemokratischen Parteiorganisation an sich, war der Eintritt der Arbeiterklasse in die gesetzgebenden Vertretungen allein schon ein mächtiger Fortschritt, ein befruchtendes Aktionsprogramm, eine politische Offensive.

Heute, in der imperialistischen Schlußphase der internationalen Kapitalsherrschaft, heute, in der tiefsten Verfallsperiode des bürgerlichen Parlamentarismus, würde das Verharren bei dem Ausbau der Parteiorganisation und bei parlamentarischer Betätigung allein nicht ein Aktionsprogramm der Arbeiterklasse, sondern ein Programm der Passivität, der Indolenz, trotz äußeren, ziffernmäßigen Wachstums ein politisches Trippeln auf demselben Fleck sein. Die mächtigste Parteiorganisation kann heute nicht Selbstzweck sein, sie muß sich als Hilfsmittel zur revolutionären Mobilmachung der großen Volksmasse bewähren. Die glänzendsten parlamentarischen Wahlsiege können heute nur als Pfand und als Verpflichtung für die Arbeiterklasse gelten, aus der jahrzehntelangen Defensive herauszutreten und allmählich zu einer kraftvollen Offensive gegen die herrschende Reaktion überzugehen.

Heute gibt es keinen Lassalle, der mit einer Stimme, die wie Erz tönt, und mit kühnem Arm die deutsche Arbeiterklasse zum Sturmlauf auf die Bollwerke der Klassenherrschaft mitreißen würde. Die Zeit der überragenden Individuen, der kühn vorauseilenden Führer ist vorbei, denn heute ist die Masse selbst berufen, ihr eigener Führer, Bannerträger und Stürmer, ihr eigener Lassalle zu sein. „Von den hohen Bergspitzen der Wissenschaft aus sieht man das Morgenrot des neuen Tages früher als unten in dem Gewühle des täglichen Lebens. – Was eine Stunde ist in dem Naturschauspiel eines jeden Tages, das sind ein und zwei Jahrzehnte in dem noch weit imposanteren Schauspiel eines weltgeschichtlichen Sonnenaufgangs.“ Lassalle und Marx haben die Arbeiterklasse auf die hohen Bergspitzen der Wissenschaft geführt.

Und jetzt, wo schon der beginnende Untergang der kapitalistischen Sonne auf einem blutroten Flammenmeer den Himmel färbt, wo schon im Tale selbst das erste Nahen eines neuen Tages immer vernehmbarer wird, da ist es für die Masse der aufgeklärten Arbeiterschaft an der Zeit, sich dessen bewußt zu werden, daß sie in den fünf Jahrzehnten mündig, stark und reif geworden ist. Kraft und Mündigkeit verpflichtet aber zu einer Politik, die an Kühnheit, Weitblick und Größe jener würdig wäre, aus der vor einem halben Jahrhundert der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hervorgegangen ist.

Leipziger Volkszeitung,

Nr. 116 vom 23. Mai 1913.

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