Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 4, S. 382

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Der englische und der französische Imperialismus haben ihre Macht- und Expansionsgebiete in Übersee, der deutsche hat im Herzen Europas seine Zelte aufgeschlagen; ganz Osteuropa stöhnt seit dem Gewaltfrieden von Brest-Litowsk unter dem deutschen Joch.

Der englische Imperialismus ist aus geschichtlichen Gründen an gewisse demokratische Formen gebunden, der französische aus wirtschaftlichen Gründen an ein langsames Tempo und stagnierenden Charakter gewöhnt. Der deutsche Imperialismus verbindet das brutale Draufgängertum des preußischen Junker- und Polizeistaates mit der ungestümen Gier eines modernen Finanzkapitals, das gerade in der Bluttaufe dieses Krieges seine größte Zusammenballung erreicht hat.

Während deshalb der anglo-französische Imperialismus im Laufe des letzten Jahrhunderts alle vorkapitalistischen Verhältnisse in Asien und Afrika umgestürzt hat, war und ist seine Politik in Europa selbst wesentlich konservativ. Der deutsche Imperialismus wirft jetzt die Brandfackel des Umsturzes und der Anarchie in europäische kapitalistische Verhältnisse selbst. In wenigen Monaten seiner skrupellosen Wirtschaft nach ostelbischen Methoden hat er in Polen, Litauen, Estland, Kurland, Livland, der Ukraine, in Rumänien, auf dem Kaukasus das Unterste nach oben gekehrt. Von Finnland bis zum Schwarzen Meer hat er ein Elend, einen Ruin, ein unentwirrbares Durcheinander, eine Verschärfung der nationalen und der Klassengegensätze und einen tödlichen Haß erzeugt, die ganz Osteuropa in einen brodelnden Vulkan verwandeln. Nur mit Mühe äußerlich zurückgehalten, ist die Explosion im Osten nur eine Frage der Zeit.

Alles aber, was an zuckender Anarchie, an wetterleuchtenden Stürmen im Osten sich ankündet, ist ein Kinderspiel gegen das, was im Westen am Horizont sich erhebt, falls auch dort Hindenburgs „Dicke Berta” „Ordnung” schaffen sollte, falls Frankreich wie Polen Stücke lebendigen Fleisches aus der Flanke gerissen, falls Belgien wie die Ukraine dauernd erdrosselt, falls Flandern wie das Baltikum mit deutscher „Befreiung” beglückt werden sollte I

Gerade weil jeder deutsche Sieg im Westen die ostelbische Reaktion und den imperialistischen Wahnwitz im Innern ins ungemessene steigert, wird eine Neuordnung in Westeuropa von einiger Dauerhaftigkeit wie die Herstellung irgendeines für alle Völker halbwegs erträglichen Gleichgewichts auch nur in bürgerlich-kapitalistischen Formen unter deutschem Diktat ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Weltherrschaft der „Dicken Berta”, Europa unter dem Joch Preu-

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