Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 4, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2000, S. 270

https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-4/seite/270

Rückblick auf die Gothaer Konferenz

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Der ausführliche Bericht über die Gothaer Konferenz[2], der in der Presse erschienen ist, ermöglicht nun auch weiteren Kreisen der Genossen, sich ein Bild über die Tagung zu machen und kritisch zu ihr Stellung zu nehmen. Letzteres vor allem ist wichtig. Wir wollen endgültig mit dem alten Brauch der offiziellen deutschen Sozialdemokratie brechen, wonach jeder abgehaltene Parteitag unweigerlich als ein „Markstein” gekennzeichnet, das hohe Niveau seiner Debatten gepriesen, die „trotz aller Schärfe der Auseinandersetzungen” erzielte Einigkeit gesegnet wurde. Was wir brauchen, ist durchaus scharfes Durchdenken und Prüfen des Geleisteten, unbarmherzige Selbstkritik, ungeschminkte Wahrheit. Nur damit kann dem Sozialismus heute gedient werden.

Um den richtigen Standpunkt zur Beurteilung der Konferenz und ihres Werkes zu gewinnen, muß vor allem die Frage gestellt werden: Was war aus der allgemeinen Lage der Arbeiterbewegung heraus die eigentliche Aufgabe der Tagung in Gotha?

Sie sollte offenbar, das liegt klar zutage, die Elemente der Opposition gegen den Regierungssozialismus organisieren, um die Wiedergeburt einer sozialistischen, auf dem Klassenkampf begründeten Arbeiterbewegung in Deutschland in die Wege zu leiten.

Nun ist aber für jeden denkenden Arbeiter klar, daß eine Wiedergeburt der Arbeiterbewegung aus ihrem heutigen Zusammenbruch und ihrer heu-

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[1] Diese Arbeit ist mit Gracchus, einem Pseudonym Rosa Luxemburgs, gezeichnet.

[2] Auf einer Konferenz der Parteiopposition in Gotha vom 6. bis 8. April 1917 wurde die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands gegründet. Trotz grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten mit der USPD-Führung schloß sich die Gruppe „Internationale” (Spartakusgruppe) der USPD an, wobei sie sich ihre politisch-ideologische Selbständigkeit und eine eigene organisatorische Tätigkeit vorbehielt.