Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 4, S. 302

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Einleitung [zu Wladimir Korolenko: Die Geschichte meines Zeitgenossen][1]

I

„Meine Seele von dreierlei Nationalität fand endlich eine Heimat, es war das vor allem die russische Literatur”, sagt Korolenko in seinen Lebenserinnerungen. Die Literatur, die für Korolenko Vaterland, Heimat, Nationalität und deren Zierde er selbst geworden, ist, ihrer Geschichte nach, eine einzig dastehende Erscheinung.

Ganze Jahrhunderte, das Mittelalter und die Neuzeit hindurch bis zum letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, herrschte in Rußland finstere Nacht, Friedhofsstille, Barbarei. Keine gebildete Schriftsprache, keine eigene Metrik, keine wissenschaftliche Literatur, kein Buchhandel, keine Bibliotheken, keine Zeitschriften, keine Mittelpunkte des geistigen Lebens. Der Golfstrom der Renaissance, der sämtliche Länder Europas bespült und einen blühenden Garten der Weltliteratur hervorgezaubert hat, die aufrüttelnden Stürme der Reformation, der Gluthauch der Philosophie des 18. Jahrhunderts – all das hat Rußland unberührt gelassen. Das Zarenreich besaß noch keine Organe, um die Lichtstrahlen der westlichen Kultur aufzufangen, keinen geistigen Humusboden, um sich ihre Keime anzueignen. Die spärlichen literarischen Denkmäler jener Zeiten muten heute durch ihre fremdartige Häßlichkeit wie Kunsterzeugnisse der Salomonsinseln oder der Neuen Hebriden an; zwischen ihnen und der Kunst des Westens besteht anscheinend keine Wesensverwandtschaft, kein inneres Band.

Dann geschieht etwas wie ein Wunder. Nach einigen schüchternen Anläufen zur Schaffung einer nationalen Geistesbewegung gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts zünden die Napoleonischen Kriege wie ein Blitz, so-

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[1] Wladimir Korolenko: Die Geschichte meines Zeitgenossen. Aus dem Russischen übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Rosa Luxemburg, Berlin (1919).