Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 4, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2000, S. 385

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Die russische Tragödie

[1]

Seit dem Brest-Litowsker Frieden[2] ist die russische Revolution in eine sehr schiefe Lage geraten. Die Politik, von der sich die Bolschewiki dabei haben leiten lassen, liegt auf der Hand: Friede um jeden Preis, um eine Atempause zu gewinnen, inzwischen die proletarische Diktatur in Rußland auszubauen und zu befestigen, soviel wie irgend möglich an Reformen im Sinne des Sozialismus zu verwirklichen und so den Ausbruch der Internationalen proletarischen Revolution abzuwarten, sie zugleich durch das Beispiel Rußlands zu beschleunigen. Da die absolute Kriegsmüdigkeit der russischen Volksmassen und zugleich die militärische Desorganisation, die vom Zarismus hinterlassen war, die Fortsetzung des Krieges sowieso zu einem aussichtslosen Verbluten Rußlands zu machen schienen, so war ohnehin kein anderer Ausweg als schleuniger Abschluß des Friedens möglich. Dies war die Rechnung von Lenin und Genossen.

Sie war diktiert von zwei rein revolutionären Gesichtspunkten: von dem unerschütterlichen Glauben an die europäische Revolution des Proletariats als den einzigen Ausweg und die unvermeidliche Konsequenz des Weltkrieges und von der ebenso unerschütterlichen Entschlossenheit, die einmal errungene Macht in Rußland bis zum äußersten zu verteidigen, um sie zur energischsten und radikalsten Umwälzung auszunützen.

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[1] Dieser Artikel ist nicht gezeichnet. In: Spartakus im Kriege. Die Illegalen Flugblätter des Spartakusbundes im Kriege, gesammelt und eingeleitet von Ernst Meyer, Berlin 1927, wird Rosa Luxemburg als Verfasserin genannt. – Die Redaktion von „Spartacus” hatte diesen Artikel mit folgender Fußnote veröffentlicht: „Der Artikel spricht Befürchtungen aus, die auch in unseren Kreisen vielfach vorhanden sind – Befürchtungen, die aus der objektiven Lage der Bolschewiki, nicht aus ihrem subjektiven Verhalten entspringen. Wir bringen den Artikel vornehmlich wegen seiner Schlußfolgerung: ohne die deutsche Revolution keine Rettung der russischen Revolution, keine Hoffnung für den Sozialismus in diesem Weltkriege. Es bleibt our die eine Lösung: der Massenaufstand des deutschen Proletariats.”

[2] Entsprechend dem vom II. Gesamtrussischen Sowjetkongreß am 8. November 1917 beschlossenen Dekret über den Frieden, in dem allen kriegführenden Staaten Verhandlungen über einen gerechten und demokratischen Frieden und als Voraussetzung dafür der sofortige Abschluß eines Waffenstillstandes vorgeschlagen worden waren, begannen am 3. Dezember 1917 in Brest-Litowsk Verhandlungen mit dem deutschen Oberkommando, nachdem die Regierungen der Westmächte Verhandlungen entschieden abgelehnt hatten. Die deutsche Regierung verfolgte das Ziel, einen Separatfrieden zu schließen, den Raub von Gebieten im Osten zu sichern und die Hand frei zu bekommen für verstärkte Kriegsanstrengungen an der Westfront. Die aufbegehrenden Volksmassen in Deutschland sollten durch die scheinbare Friedensbereitschaft der Regierung getäuscht werden.

Am 15. Dezember wurde der Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet und die Aufnahme von Friedensverhandlungen für den 22. Dezember vereinbart. Durch den dann am 3. März 1918 unterzeichneten Raubfrieden von Brest-Litowsk verlor Sowjetrußland ein Territorium von ca. einer Million km2. Die Sowjetregierung war im Interesse der Revolution gezwungen, einem solchen Frieden zuzustimmen, um den Völkern Rußlands eine friedliche Atempause zur Festigung der Sowjetmacht and zum Aufbau einer Armee zu schaffen, die in der Lage sein würde, das Land gegen die innere Konterrevolution und die imperialistischen Interventen zu schützen.