Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 4, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2000, S. 285

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eine Friedensformel als die ihrige schreiben, die nichts anderes bedeutet als die einfache Konservierung und Neubefestigung der kapitalistischen Klassenherrschaft, als die Schaffung eines Modus vivendi für den außer Rand und Band geratenen Imperialismus, diese Selbstverständlichkeit ist bezeichnend für die himmelschreiende Verwirrung der Begriffe, die seit Ausbruch des Krieges in sozialistischen Kreisen aller Länder Platz gegriffen hat. In Wirklichkeit ist die Stockholmer „Friedensvorbereitung” unter der Losung „Keine Annexionen, keine Entschädigungen” eine direkte Fortsetzung der Politik des 4. August, d. h. der Abdankung des Proletariats als eine Klasse mit eigener Politik und Aktion, Fortsetzung der Handlangerdienste an die herrschenden Klassen und an den Imperialismu s.

Freilich, diese Losung ist von den Russen in einen sehr radikal und sozialistisch klingenden Grundsatz eingewickelt: Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Hierin soll angeblich das Neue, das Demokratische in der wiederherzustellenden Ordnung der Dinge bestehen. Allein es genügt, die einfache Frage nach der praktischen Durchführbarkeit dieses Grundsatzes zu stellen, um ihn als hohle Phrase zu entlarven. Wie und für wen soll denn die Selbstbestimmung der Nationen jetzt beim Friedensschluß verwirklicht werden? Nur für die Völker der gegenwärtig militärisch besetzten Gebiete? Das hieße ja den ganzen früheren unter der Herrschaft des Kapitalismus begangenen Länderraub, seine ganze Schacher- und Kolonialpolitik heiligsprechen, deren Opfer vom Grundsatz der Selbstbestimmung ausschließen! Oder sollen nunmehr sämtliche unterdrückte, annektierte Nationen und Länder der Erde in allen Staaten über die von ihnen erwünschten Schicksale befragt und zur Abstimmungsurne geführt werden? Wer solches von den heutigen Regierungen erwartet oder ihnen solches zumutet, müßte erst auf seine geistige Zurechnungsfähigkeit untersucht werden – abgesehen davon, daß die ganze Idee der „Abstimmungen” von Nationen über die Frage ihrer Staatszugehörigkeit an sich ein Hirngespinst ist, das mit Klassengegensätzen und tausend anderen realen Tatsachen gar nicht rechnet.

Mit dem Prinzip der Selbstbestimmung der Nationen wird hier von Sozialisten ebenso grober Unfug getrieben, wie ihn die kapitalistischen Regierungen mit der „Befreiung der Nationen” und mit der „Landesverteidigung” treiben. Sowenig wie ein imperialistischer Krieg Landesverteidigung oder Befreiung der Nationen ist, genausowenig läßt sich das Selbstbestimmungsrecht der Nationen im Rahmen und unter der Herrschaft kapitalistischer Staaten verwirklichen. Die einzige reale Voraus-

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