Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 4, S. 248

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Es fragt sich nur, was das Proletariat bei der famosen „Verständigung” der europäischen Kabinette zu tun hat, was seine aktive Politik sein soll? Ei, die ist beileibe nicht vergessen! „Wir halten dafür, daß in allen kriegführenden Ländern für die sozialistischen Parteien die Zeit gekommen ist, von ihren Regierungen eindringlich die genaue Mitteilung der Ziele zu fordern, für die sie den Krieg führen”, und ferner zu „fordern”, daß diese Ziele für keines der betreffenden Völker eine Demütigung oder Schädigung bedeuten. Ist es nun nicht klar, daß wir dringend der Auferstehung der sozialistischen Internationale von den Toten bedürfen? Ist es nicht klar, daß sie eine höchst wichtige Mission zu vollbringen hat? Man bedenke: Seit bald drei Jahren liegt die Internationale unter den Hufen des dahinrasenden Imperialismus. Die Imperialisten entfesseln hüben wie drüben die Kriegsfurie bis zum äußersten, die Orgie wird offenbar schließlich nur an innerer Erschöpfung ein Ende finden, um einer neuen Periode der Vorbereitung zum nächsten Tanz Platz zu machen. Und just in diesem Moment ist für die proletarische Internationale „die Zeit gekommen”, sich wieder aufzuraffen, um – was zu tun? Um die Imperialisten hüben wie drüben zu bestürmen um die Mitteilung ihrer Kriegsziele! Nun sagt doch schon, sagt endlich, was ihr eigentlich wollt, was euer Begehren, ihr Herren Diplomaten! Tut doch endlich den Mund auf, laßt hören, Herr von Bethmann – Sie, Mister Lloyd George – Sie, Monsieur Ribot! So redet doch um Himmels willen, dann werden wir sehen, wie sich eure Wünsche miteinander ins gleiche bringen lassen! Dies ist die Aufgabe der sozialistischen Internationale beim Friedensschluß, das ist selbständige proletarische Klassenpolitik, das ist Ausführung der Stuttgarter Kongreßresolutionen[1] über die Pflicht der Arbeiterparteien, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden! Die Internationale zum Pudel gemacht, der von einer imperialistischen Regierung zur anderen läuft, um ihnen erwartungsvoll in den Mund zu blicken – eine glattere und naivere Preisgabe des Sozialismus als selbständiger Politik in der Friedensfrage kann man sich kaum noch vorstellen. Und in der Tat, es ist ja genau dieselbe Rolle, die auch Scheidemann und sein „Vorwärts” während des Friedensbluffs der deutschen Regierung[2] der sozialistischen Internationale zuwiesen.

Ja freilich, freilich! Die sozialistischen Parteien sollen auch noch mehr tun: Sie sollen erstens, wie wir gesehen, „darüber wachen”, daß jene Wünsche der bürgerlichen Kabinette „keine Demütigung und keine Ver-

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[1] Der Internationale Sozialistcnkongreß in Stuttgart fand vom 18. bis 24. August 1907 statt.

[2] Am 12. Dezember 1916 hatte die deutsche Regierung im Namen der Mittelmächte in einer Note den Ententestaaten Friedensverhandlungen vorgeschlagen, ohne auf die Bedingungen, unter denen Deutschland zum Frieden bereit wäre, einzugehen. Dic Note sollte einem bevorstehenden Friedensappell des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson zuvorkommen und die Friedfertigkeit der Imperialisten der Mittelmächte vortäuschen. Das „Friedensangebot” wurde am 30. Dezember 1916 von den Ententemächten abgelehnt.