Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 4, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2000, S. 114

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Volke mit „Gewehrkolben” bringen könne. Der militärische Bankrott bei Sedan[1] bescherte Frankreich die Republik. Aber diese Republik war nicht ein Geschenk der Bismarckschen Soldateska: Preußen hatte damals wie heute anderen Völkern nichts zu schenken als das eigene Junkerregiment. Die Republik war in Frankreich die innerlich gereifte Frucht sozialer Kämpfe seit 1789 und der drei Revolutionen. Der Krach bei Sewastopol[2] wirkte wie bei Jena[3]: Beim Fehlen einer revolutionären Bewegung im Innern des Landes führte er nur zur äußeren Renovierung und zur Neubefestigung des alten Regimes.

Aber die Reformen der sechziger Jahre in Rußland[4], die der bürgerlich-kapitalistischen Entwicklung die Bahn brachen, waren auch nur mit Geldmitteln einer bürgerlich-kapitalistischen Wirtschaft zu bewerkstelligen. Und diese Mittel wurden geliefert vom westeuropäischen Kapital – aus Deutschland und Frankreich. Seitdem knüpfte sich das neue Verhältnis, das bis auf den heutigen Tag dauert: Der russische Absolutismus wird von der westeuropäischen Bourgeoisie ausgehalten. Nicht mehr der „russische Rubel” rollt in den diplomatischen Kammern und, wie der Prinz Wilhelm von Preußen noch 1854 bitter klagte, „bis in die Vorkammern des Königs”, sondern umgekehrt rollt deutsches und französisches Gold nach Petersburg, um dort das Zarenregiment zu speisen, das ohne diese belebenden Säfte längst seine Mission ausgespielt haben würde. Seitdem ist der Zarismus nicht mehr bloß ein Produkt der russischen Verhältnisse: Seine zweite Wurzel sind die kapitalistischen Verhältnisse Westeuropas. Ja, das Verhältnis verschiebt sich seitdem mit jedem Jahrzehnt mehr. In demselben Maße, wie mit der Entwicklung des russischen Kapitalismus die innere bodenständige Wurzel der Alleinherrschaft in Rußland selbst zernagt wird, erstarkt die andere, westeuropäische, immer mehr. Zur finanziellen

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[1] In der Schlacht bei Sedan am 1. und 2. September 1870 wurden die französischen Truppen von der preußisch-deutschen Armee entscheidend geschlagen. Napoleon III. und rd. 83 000 Mann seiner Armee begaben sich in Gefangenschaft.

[2] Die Seefestung Sewastopol wurde während des Krimkrieges im August 1855 nach 343tägiger Verteidigung durch russische Soldaten und Matrosen von den zahlenmäßig überlegenen französischen und englischen Streitkräften besetzt.

[3] In der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt wurden am 14. Oktober 1806 die zwei Hauptarmeen des preußischen Staates unmittelbar nach Beginn des Feldzuges von den Truppen Napoleons I. geschlagen.

[4] Die Niederlage Rußlands im Krimkrieg 1853 bis 1856 hatte die innenpolitische Situation so verschärft, daß die herrschende Klasse zwischen 1861 und 1870 eine Reihe von Reformen durchführen mußte, die zwar unvollständig und mit feudalen Überresten behaftet waren, dennoch die kapitalistische Entwicklung in Rußland vorantrieben. Die wichtigsten Reformen betrafen die Aufhebung der Leibeigenschaft (1861), die Bildung ländlicher und städtischer Selbstverwaltungsorgane (1864), Veränderungen im Volksbildungs- (1863) und Gerichtswesen (1864) sowie in der Zensur (1865).