Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 4, S. 375

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Nur im felsenfesten Vertrauen auf den unerschütterlichen Stumpfsinn der deutschen Volksmassen konnte sich die deutsche Reaktion das gewagte Experiment leisten, in die Hand der Petersburger „Mordbrenner”, die eben erst Thron, Altar, Zinsenzahlung auf auswärtige Anleihen, Stände, Titel und diverse andere sakrosankte Sachen auf den Müllhaufen geworfen haben, die widerspenstige Höchstkommandierende zum Fenster des Eisenbahnwagens heraushängen und lästige Prinzen von Geblüt ins Loch stecken – in diese „ruchlose” Hand einzuschlagen. Der preußisch-deutsche Halbabsolutismus in traulichen Verhandlungen mit den Lenin und Trotzki, die erst vor ein paar Jahren um das Berliner Polizeipräsidium einen weiten Bogen machen mußten! – Wer erinnert sich da nicht an die köstliche Szene in „Mein Onkel Benjamin”, wo der stolze und hochmütige Herr Graf, dem eine Fischgräte im Halse steckengeblieben ist, den verachteten bürgerlichen Doktor auf einen für gewöhnlich bedeckten Körperteil küßt, nur um sich seine rettende Hilfe zu sichern. Not kennt kein Gebot, sagte schon Reichskanzler Bethmann Hollweg. Wieviel lieber würden die Hindenburg und Ludendorff ihre „Dicke Berta” mit der „Bande” in Petersburg reden lassen! – Doch stille! Solche Herzenswünsche müssen einer späteren Gelegenheit vorbehalten bleiben. Vorläufig kommt die Petersburger „Bande” höchst gelegen, und ihr umstürzlerisches Friedensevangelium klingt dem deutschen Imperialismus wie reine Himmelsmusik.

Trotzki hat nach Presseberichten im Zentralausschuß der Sowjets mehrfach Reden über die Internationale Lage gehalten, worin er die Wirkungen des russischen Friedensangebots auf alle Länder in rosigstem Lichte schilderte. Das westliche Europa zeige, daß die „kühnsten Hoffnungen” der russischen Sowjets in Erfüllung gegangen und der allgemeine Frieden auf dem besten Wege zur Verwirklichung sei.

Wenn diese Presseberichte stimmen, dann muß allerdings in Trotzkis schäumenden Wein viel Wasser gegossen werden. Es ist psychologisch begreiflich, daß die Bolschewisten in ihrer Situation jetzt das Bedürfnis haben, in der entscheidenden Frage, der des Friedens, ihre Politik als vom Erfolge gekrönt anzusehen und sie auch so vor dem russischen Volke hinzustellen. Nüchterne Betrachtung der Dinge zeigt sie in anderem Lichte.

Die nächste Wirkung des Waffenstillstandes im Osten wird nur die sein, daß deutsche Truppen vom Osten nach dem Westen dirigiert werden. Vielmehr, sie sind es schon. Mochten Trotzki und Genossen wiederum sich und den Sowjet damit trösten, daß sie als Bedingung des Waffenstillstandes die Verpflichtung erwirken wollten, keine Truppenverschie-

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