Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 4, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2000, S. 10

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lichkeit in selbstgeschaffener Qual wie einen Bettler elend verrecken zu lassen. Die schreienden inneren Widersprüche dieses Gesellschaftssystems, seine aufrüttelnde und umwälzende Kraft, das scharfe Auf und Ab seines Rhythmus, nie waren sie so deutlich, so hinreißend zu spüren wie in diesem Weltkriege – dem größten Vernichtungswerk des Kapitalismus seit zwei Jahrhunderten.

Aber jeder Krieg vernichtet nicht bloß leibliche Güter, nicht bloß materielle Kulturwerte. Er ist zugleich ein respektloser Stürmer gegen hergebrachte Begriffe. Alte Heiligtümer, verehrte Einrichtungen, gläubig nachgesprochene Formeln werden von seinem eisernen Besen auf denselben Schutthaufen geworfen, auf dem die Reste zerschossener Kanonen, Gewehre, Tornister und sonstiger Kriegsabfall lagern. Und auch in dieser Hinsicht übertrifft der gegenwärtige Krieg alle seine Vorgänger an Rücksichtslosigkeit und Wucht seiner Wirkung.

Jahrzehntelang waren die europäischen Völker in dem scheinbaren Frieden seit dem preußisch-französischen Kriege in gewissen Begriffen erzogen, an bestimmte Vorstellungen gewöhnt. Dem „europäischen Gleichgewichte” entsprach ein Gleichgewicht der geltenden Begriffe von dem, was gut und was böse, was erlaubt und was verpönt, was löblich und was schmachvoll sei. Und dieses System der Begriffe war jedem Bürger von Kindesbeinen auf geläufig, es war ihm in der Schule, in der bürgerlichen Presse, im Parlament immer wieder eingeflößt. Zu diesem System gehörte z. B. die Vorstellung von den unverbrüchlichen Freundschaftsbanden, die alle Souveräne auf den Thronen zu einer großen Familie mit solidarischen Interessen verband. Dazu gehörte die Vorstellung von der unantastbaren Geltung des Völkerrechtes, der Staatsverträge, der diplomatischen Bündnisse. Der Krieg hat da wenige Wochen gewütet, und überall fliegen klägliche Fetzen herum. Das „Hosianna” und das „Kreuzige!” haben scharf gewechselt. Bürgerliche Blätter zeigen schwarz auf weiß, daß das „perfide Albion” der Hauptbösewicht ist, sie decken die Scheußlichkeiten des Zarenregimentes in Rußland auf, sie bringen erfreuliche Meldungen von dem beginnenden Aufruhr in den englischen und französischen Kolonien. Ein Aufruf an die russischen Juden verheißt ihnen Befreiung und Menschenrechte im jüdischen Jargon im Namen des Oberkommandos „von die beide grusle Armees”. In dem vom deutschen Heere besetzten Gebiete Polens wird ein kleines Büchlein in polnischer Sprache verbreitet, das dem Volke die Grausamkeiten des russischen Regimes drastisch mit Illustrationen vor die Augen führt; auf dem farbigen Titelblatt des Büchleins ist in der Mitte die Mutter Gottes sichtbar, bekanntlich vom einfachen

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