Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 2, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2004, S. 429

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Taktik der Sozialdemokratie und derjenigen der bürgerlichen Parteien, das Verständnis dafür, daß die positive Arbeit der Sozialdemokratie mit ihrer grundsätzlichen Stellung als revolutionäre Partei des Proletariats wohl vereinigt werden kann und nur durch diese Vereinigung fruchtbar und erfolgreich wird – das alles muß in den weiten Kreisen der badischen Genossen mangeln, wenn sie die Haltung ihrer Landtagsfraktion gutheißen können. Wäre das nicht der Fall, wäre der Klasseninstinkt, das lebendige Gefühl für die proletarische Politik in den Massen der badischen Genossen so stark entwickelt, wie es eigentlich sein sollte, dann hätten auch die badischen Parlamentarier es niemals gewagt, so weit zu gehen. Da sie die elementarsten Grundsätze der sozialdemokratischen Taktik in bewußter Rebellion gegen die Gesamtpartei so offenkundig mit Füßen traten, mußten sie wissen, was sie ihren eigenen Parteigenossen bieten durften.

Freilich ernten sie dabei zum Teil nur die Früchte der systematischen Verwirrung, die sie selbst seit Jahren in den Reihen der badischen Partei säen, ein Werk, dem eine so geartete Parteipresse wie das von Kolb redigierte Karlsruher Blatt vorzügliche Dienste leistet. Wie Italien, wie Frankreich zeigen, dienen die opportunistischen Parlamentarier in erster Linie dazu, die proletarische Masse der Partei zu korrumpieren. Allein, was taugt die Klassenaufklärung der Proletarier, was taugt ihre sozialdemokratische Schulung, was ihre Parteitradition, wenn sie sich durch ein Dutzend Parlamentarier und Journalisten korrumpieren und von der Klassenpolitik abbringen lassen? Vom Standpunkte der Sozialdemokratie sollen ja die Parlamentarier nur Diener, nur gehorsame Werkzeuge der aufgeklärten Arbeitermasse sein, und es ist bereits ein sicheres Symptom der stark verbürgerlichten Verhältnisse, wenn ein Dutzend Leute mit Mandat einen so ausschlaggebenden Einfluß auf die Parteimasse ausüben, daß sie sie systematisch korrumpieren können.

Blicken wir von der badischen Landtagsfraktion auf die hinter ihr stehenden badischen Proletarier, so verwandelt sich die Handlungsweise der Parlamentarier in den äußeren Ausdruck einer in den badischen Parteikreisen weit verbreiteten Auffassung vom politischen Kampf und von den Aufgaben der Sozialdemokratie. Das Pronunziamento der Frank und Kolb deckt uns, nach den vielen früheren in den vergangenen Jahren, ein tiefliegendes Übel auf. Und wenn wir noch die Haltung der Parteipresse in Bayern, Württemberg und Hessen zu dem badischen Vorstoß in Betracht ziehen, dann wächst sich der Fall der badischen Budgetabstimmung und der Hofgängerei zu einem Mißstand des Parteilebens aus, den es stark unterschätzen heißt, wenn man ihn als „Disziplinbruch“ behandeln

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