Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 2, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2004, S. 5

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Die russische Revolution

Die heutige Revolution in Rußland ist formal der letzte Ausläufer der Großen Französischen Revolution vor hundert Jahren. Das ganze verflossene Jahrhundert verrichtete im Grunde genommen nur die Arbeit, die ihm jene große historische Umwälzung aufgegeben hatte: die Konstituierung der Klassenherrschaft der modernen Bourgeoisie, des Kapitalismus, in allen Ländern. Im ersten Akt dieser durch ein Jahrhundert sich hinziehenden Krise hat die eigentliche Revolution die feudale mittelalterliche Gesellschaft aufgewühlt, das Unterste nach oben und das Oberste nach unten gekehrt, durchgerüttelt, in moderne Klassen erst roh und grob gehauen, ihre sozialen und politischen Bestrebungen und Programme einigermaßen geklärt und schließlich den Feudalismus in ganz Europa – durch die Napoleonischen Kriege – niedergeworfen. In den folgenden Etappen wird die durch die große Revolution angefangene Klassenspaltung der modernen bürgerlichen Gesellschaft im und durch den Klassenkampf fortgesetzt. In der Restaurationsperiode nach 1815 kommt die Hochfinanz ans Ruder und wird durch die Julirevolution gestürzt. In der Julirevolution gelangt die industrielle Großbourgeoisie zur Herrschaft und wird durch die Februarrevolution gestürzt. Die Februarrevolution führt endlich die breite Masse der mittleren und kleineren Bourgeoisie zur Herrschaft. In der Gestalt der heutigen Dritten Republik erreicht die moderne bürgerliche Klassenherrschaft ihre entwickeltste und letzte Form. Aber mittlerweile bildet sich in all diesen inneren Kämpfen der Bourgeoisie auch ein neuer Zwiespalt: der zwischen der gesamten bürgerlichen Gesellschaft und der modernen Arbeiterklasse. Die Bildung und Reife dieses neuen Klassengegensatzes läuft parallel mit den bürgerlichen Klassenkämpfen durch die ganze Geschichte des Jahrhunderts. Bereits die

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