Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 2, S. 271

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und nichtig erklärt, in der richtigen Erkenntnis, daß sie auf eine tatsächliche Abschaffung der Maifeier hinauslaufen würde, da die einzelnen Orte die Lasten der Unterstützung der Maiopfer zum größten Teil nicht tragen könnten, noch mehr aber sie scheuen würden und die Furcht vor dieser aufgebürdeten Verantwortlichkeit jeden Schwung der Maifeier lahmlegen müßte. Nunmehr schlagen Parteivorstand und Generalkommission vor, statt aus Ortskassen die Opfer der Maifeier aus „Bezirkskassen“ zu unterstützen. Scheinbar ist dies ein Kompromiß, der den Wünschen der Parteimehrheit um einen Schritt entgegenkommt, da die Bezirkskassen ein Mittelding zwischen Orts- und Zentralkassen darstellen. In Wirklichkeit ist die neue Lösung ein großer Schritt – nach der entgegengesetzten Seite. Denn Orte sowie Zentren der Bewegung mit ihren Kassen existieren wenigstens, was aber die „Bezirke“ sein sollen, denen die Kosten der Maifeier und die Verantwortlichkeit für sie zugeschoben werden soll, bleibt ein Geheimnis des Gesetzgebers. Da existieren nicht bloß die Kassen noch nicht, auf denen die materielle Grundlage ruhen soll, sondern es existieren nicht einmal die geographischen und organisatorischen Einheiten, die jene Kassen bilden sollen. Indem die Maifeier von den örtlichen wie den zentralen Kassen abgewiesen wird, verweist man sie an eine erst zu bildende phantastische Organisation. In den vorhandenen Organisationen der politischen und wirtschaftlichen Arbeiterbewegung gibt es keinen Platz für die Sorgen um die Ausführung der Maifeier, es soll ein ganz neuer Organisationsapparat erst geschaffen werden. Deutschland muß erst in „Bezirke“ eingeteilt, in den Orten müssen erst neue Kommissionen – natürlich auf dualistischer Grundlage – geschaffen werden, die neugeschaffenen Bezirke müssen erst neue Kassen ins Leben rufen, wobei doch an diesen „Bezirken“ und ihren Kassen genau dieselben Partei- und Gewerkschaftsgenossen beteiligt werden und dieselben Mittel wie bisher herhalten müssen, und dann – kann „die würdige Feier“ losgehen. Wenn jemand aus purer Freude an der Verhöhnung der Maifeier eine boshafte Satire auf einen Maifeierbeschluß machen wollte, er hätte keinen besseren Einfall haben können als dieses Projekt zur Schaffung eines ganz neuen bürokratischen Apparats, bei dem es am unklarsten ist, von wem und wie er eigentlich ins Leben gerufen werden soll, bei dem die dualistische Grundlage, die bis in die einzelnen Orte verpflanzt werden soll, es zu ebensolcher Unfruchtbarkeit der Aktion bringen müßte wie die bisherigen Maifeierverhandlungen der beiden obersten Instanzen, bei dem die Schwerfälligkeit des Apparats von vornherein jeden Schwung und, was das wichtigste, die Einheitlichkeit der Maifeier im ganzen Lande ausschließen muß. Es

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