Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 2, S. 197

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Eine Richtung in unseren Reihen hält den Parlamentarismus nicht für eine durch die Verhältnisse bedingte, sondern für die einzige Form, in der wir unsere Ziele erreichen können. Diese Auffassung ist durch den Wahlausfall gründlich widerlegt worden. Man glaubt, wenn wir erst die Mehrheit der Wähler auf unserer Seite haben, dann könnten wir unsere Ziele auf parlamentarischem Wege erreichen. Bei der Eroberung gewisser Schichten der Wähler stellen sich uns große Schwierigkeiten entgegen. Große Schichten des ländlichen Proletariats, das große Heer der Post-, Eisenbahn- und anderer Beamten können wegen des Drucks, unter dem sie stehen, nicht als Wähler auf unsere Seite treten. Für unser Endziel ist nur das Proletariat zu haben. Wenn Angehörige des Mittelstandes für uns stimmen, so tun sie das nicht, weil sie unsere Ziele billigen, sondern weil sie in der Gegenwart Hilfe aus ihrem Elend von uns erwarten. In dieser Richtung können wir sehr wenig positive Arbeit leisten, weil uns die herrschenden Klassen Widerstand entgegensetzen. Aus diesem Grunde wird das Kleinbürgertum, welches sich von uns entfernt hat, uns auch in der Zukunft fernbleiben. Der Ausfall der Wahl zeigt, daß sich die bürgerliche Gesellschaft rapid ihrem Ende nähert und daß nur hoffnungslose Phantasten glauben können, wir könnten allmählich die parlamentarische Mehrheit bekommen und mit deren Hilfe unsere Ziele erreichen. Gewiß brauchen wir zur Verwirklichung unserer Ziele die Mehrheit des Volkes, aber das ist nicht dasselbe wie die Mehrheit der Wähler. Sobald es gilt, durch den direkten Befreiungskampf unsere Ziele zu erreichen, gestaltet sich die auf unsere Seite tretende Mehrheit des Volkes anders als bei den Wahlen. Beim direkten Massenkampf in einer Befreiungsrevolution kommen zum Beispiel die Frauen, die jetzt zur politischen Nichtigkeit verurteilt sind, als Kämpfer für uns in Betracht. Da ist die Frau gleichwertig mit dem männlichen proletarischen Kämpfer. Auch die Landarbeiter, die Post- und Eisenbahnbeamten, die wir als Wähler nur schwer gewinnen können, würden für uns eintreten, sobald sich das Volk in einer direkten Befreiungsbewegung befindet.

Wir müssen aus der russischen Revolution lernen, wie unsere Gegner aus ihr gelernt haben. In Rußland ist man sich des Zusammenhanges der dortigen Bewegung mit dem Wahlausfall in Deutschland wohl bewußt. Hat doch der Verband echtrussischer Leute[1] den deutschen Kaiser wegen des Wahlausfalles beglückwünscht. Bei uns scheint für diesen Zusammen‑

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[1] Als „echtrussische Leute“ wurden die Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes bezeichnet, einer 1905 zum Kampf gegen die Revolution gegründeten monarchistischen Organisation in Rußland, der vorwiegend Gutsbesitzer, Kaufleute, Polizeibeamte und Priester angehörten.