Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 2, 6., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2004, S. 402

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Nachläufer der alten bürgerlichen als ein Vorläufer der neuen Serie der proletarischen Revolutionen des Westens. Das zurückgebliebenste Land weist, gerade weil es sich mit seiner bürgerlichen Revolution so unverzeihlich verspätet hat, Wege und Methoden des weiteren Klassenkampfes dem Proletariat Deutschlands und der vorgeschrittensten kapitalistischen Länder.“[1]

Aus derselben historischen Perspektive betrachtete früher auch Genosse Kautsky die russische Revolution. Im Dezember 1906 schrieb er in vollkommener Übereinstimmung mit meiner Auffassung: „Wir dürften der russischen Revolution und den Aufgaben, die sie uns stellt, am ehesten dann gerecht werden, wenn wir sie weder als bürgerliche Revolution im herkömmlichen Sinne noch auch als sozialistische betrachten, sondern als einen ganz eigenartigen Prozeß, der sich an der Grenzscheide zwischen bürgerlicher und sozialistischer Gesellschaft vollzieht, die Auflösung der einen fördert, die Bildung der anderen vorbereitet und auf jeden Fall die ganze Menschheit der kapitalistischen Zivilisation um ein gewaltiges Stück in ihrem Entwicklungsgang vorwärts bringt.“[2]

Faßt man aber so die wirklichen sozialen und historischen Bedingungen, die der Massenstreikaktion, der spezifischen neuen Kampfform der russischen Revolution, zugrunde liegen – und eine andere Auffassung ist nicht gut möglich, wenn man sich nicht den tatsächlichen Verlauf dieser Aktion frei aus der Luft zusammenphantasiert, wie Genosse Kautsky dies jetzt mit seinen „amorphen, primitiven Streiks“ tut –, dann wird es klar, daß die Massenstreiks als Form der revolutionären Kämpfe des Proletariats für Westeuropa noch mehr in Betracht kommen als in Rußland, in dem Maße, wie der Kapitalismus in Deutschland zum Beispiel viel höher entwickelt ist.

Gerade alle die Bedingungen, die Genosse Kautsky gegen den politischen Massenstreik ins Feld führt, sind ebenso viele Momente, die die Massenstreikaktion in Deutschland noch viel unvermeidlicher, umfangreicher und gewaltiger machen müssen.

Die trotzige Macht der Unternehmerverbände, auf die sich Genosse Kautsky jetzt beruft und die „ihresgleichen sucht“, sowie der Kadavergehorsam, in dem die enorme Kategorie der Staatsarbeiter in Deutschland gehalten wird, sind es ja gerade, die eine ruhige, ersprießliche Gewerkschaftsaktion für das Gros des Proletariats in Deutschland immer schwieriger machen, immer gewaltigere Kraftproben, Explosionen auf wirt‑

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[1] Rosa Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften. In: GW, Bd. 2, S. 146–148 u. 149 f. Hervorhebungen nur hier.

[2] K. Kautsky Triebkräfte und Aussichten der russischen Revolution. In: Neue Zeit, XXV, 1, S. 333. [Fußnote im Original]