Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 5, 4. Auflage, Dietz Verlag Berlin 1990, S. 555

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selbst aus dem türkischen Bauern resp. aus dem chinesischen Bauern mit Hilfe eines entsprechenden Steuersystems unter europäischer Finanzkontrolle herausgeschunden. Hinter den knappen Zahlen der überwiegenden türkischen oder chinesischen Einfuhr und der entsprechenden europäischen Ausfuhr lauert so das eigenartige Verhältnis zwischen dem reichen großkapitalistischen Westen und dem von ihm ausgesogenen armen und zurückgebliebenen Orient, der von jenem mit den modernsten und großartigsten Verkehrsanlagen und Militäreinrichtungen versehen wird – und zugleich mit dem reißenden Ruin der alten bäuerlichen „Volkswirtschaft“.

Noch einen anderen Fall zeigen uns die Vereinigten Staaten. Hier übertrifft wiederum, wie in Rußland, die Ausfuhr um ein bedeutendes die Einfuhr – die letztere betrug 1913 7,4, die erstere 10,2 Milliarden Mark –; aber die Ursachen dieser Erscheinung sind von den russischen grundverschieden. Freilich verschlingt auch die amerikanische Union enorme Mengen europäischen Kapitals. Schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts saugt die Londoner Börse ganze Stöße amerikanischer Anleihepapiere und Anteilscheine auf ; die Spekulation in amerikanischen Gründungen und Papieren zeigte bis in die sechziger Jahre wie ein Fieberthermometer jedesmal den nahen Ausbruch einer großen englischen Industrie- und Handelskrise an. Seitdem hat der Zufluß englischen Kapitals nach den Vereinigten Staaten nicht aufgehört. Dieses Kapital wandert nach der Union zum Teil als Leihkapital an die Städte und Privatgesellschaften, meistens jedoch als Industriekapital: sei es, daß an der Londoner Börse amerikanische Eisenbahn- und Industriepapiere gekauft werden, sei es, daß englische Industriekartelle in der Union eigene Filialen gründen, um die hohe Zollmauer zu umgehen, oder daß sie durch Aufkauf der Aktien dortige Unternehmungen an sich bringen, um ihre Konkurrenz auf dem Weltmarkt loszuwerden. Die Vereinigten Staaten besitzen denn auch heute eine hochentwickelte und immer rascher fortschreitende Großindustrie, die, während ihr immerfort aus Europa Geldkapital zufließt, selbst schon in steigendem Maße Industriekapital – Maschinen, Kohle – nach Kanada, Mexiko und anderen zentral- und südamerikanischen Ländern ausführt. Die Vereinigten Staaten verbinden auf diese Weise eine enorme Ausfuhr an Rohprodukten: Baumwolle, Kupfer, Weizen, Holz, Petroleum, nach den alten kapitalistischen Ländern mit einer wachsenden industriellen Ausfuhr nach den jungen Ländern beginnender Industrialisierung. In dem großen Ausfuhrüberschuß der amerikanischen Union spiegelt sich so das eigentümliche Übergangsstadium von einem Kapital empfangenden Agrarland zum Kapital ausführenden Industrieland, die Rolle eines ver-

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