Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 5, 4. Auflage, Dietz Verlag Berlin 1990, S. 757

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in jeder Gesellschaftsform, die ihnen die Freuden des Ausbeuterlebens sichert, einen Finger Gottes und ein Naturgesetz gesehen. Die größten Geister entgehen dieser historischen Täuschung nicht. So schrieb mehrere Jahrtausende vor dem englischen Pfaffen der große griechische Denker Aristoteles: „Es ist die Natur selbst, die die Sklaverei geschaffen hat. Die Tiere teilen sich in Männchen und Weibchen. Das Männchen ist ein vollkommeneres Tier, und es herrscht; das Weibchen ist weniger vollkommen, und es gehorcht. Ebenso gibt es im Menschengeschlecht Individuen, die soviel tiefer stehen unter den anderen, wie der Leib unter der Seele oder das Tier unter dem Menschen steht; das sind Wesen, die nur zu körperlichen Arbeiten taugen und die unfähig sind, etwas Vollkommeneres zu vollbringen. Diese Individuen sind durch die Natur zur Sklaverei bestimmt, weil es für sie nichts Besseres gibt, als anderen zu gehorchen ... Besteht denn schließlich ein so großer Unterschied zwischen dem Sklaven und dem Tier? Ihre Arbeiten gleichen sich, sie sind uns nur durch ihren Leib nützlich. Schließen wir also aus diesen Prinzipien, daß die Natur gewisse Menschen für die Freiheit und andere für die Sklaverei geschaffen hat, daß es also nützlich und gerecht ist, daß der Sklave sich fügt.“[1] Die „Natur“, die also für jede Form der Ausbeutung verantwortlich gemacht wird, müßte jedenfalls ihren Geschmack mit der Zeit sehr verdorben haben. Denn falls es sich noch lohnen mochte, eine große Volksmasse zur Schmach der Sklaverei zu erniedrigen, um ein freies Philosophenvolk und Genies wie Aristoteles auf ihrem Rücken zu erhöhen, so ist die Erniedrigung der heutigen Millionen Proletarier zur Aufzucht ordinärer Fabrikanten und fetten Pfaffen ein wenig verlockendes Ziel.

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Wir haben bis jetzt untersucht, welche Lebenshaltung die kapitalistische Warenwirtschaft der Arbeiterklasse und ihren verschiedenen Schichten sichert. Aber wir wissen noch nichts Genaues vom Verhältnis dieser Lebenshaltung der Arbeiter zum gesellschaftlichen Reichtum im ganzen. Denn die Arbeiter können zum Beispiel in einem Falle mehr Lebensmittel, reichlichere Nahrung, bessere Kleidung als früher haben, wenn aber der Reichtum der anderen Klassen noch viel schneller gewachsen ist, so ist der Anteil der Arbeiter am gesellschaftlichen Produkt kleiner geworden. Die

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[1] Siehe Aristoteles: Politik. Übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen und Registern versehen von Eug. Rolfes, Leipzig 1948, S. 27–31.