Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 5, S. 477

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ter noch mehrfach bestätigt finden –, daß sie bei ihrem Vertiefen in ein abstraktes „Schema“ jeden Wirklichkeitssinn verliert und, je unerschrockener sie mit der Stange im Nebel der Theorie herumfährt, um so kläglicher über die faustdicken Vorgänge des realen Lebens stolpert.

Damit haben wir die Präliminarien Bauers erledigt, seine Methoden, sein Verfahren kennengelernt. Es bleibt die Hauptsache: seine Bevölkerungstheorie.

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„Jede Gesellschaft, deren Volkszahl wächst, muß alljährlich ihren Produktionsapparat erweitern. Diese Notwendigkeit wird für die sozialistische Gesellschaft der Zukunft ebenso bestehen wie für die kapitalistische Gesellschaft der Gegenwart, wie sie für die einfache Warenproduktion oder für die Bauernwirtschaft der Vergangenheit bestand, die für den Eigenbedarf produzierte.“ (Neue Zeit, 1. c., S. 834.)

Hier ist die Bauersche Lösung des Akkumulationsproblems im Kern gegeben. Zur Akkumulation bedarf das Kapital eines immer steigenden Absatzes, der die Realisierung des Mehrwerts ermöglicht. Woher kommt dieser Absatz? Bauer antwortet: Die Bevölkerung der kapitalistischen Gesellschaft wächst ja wie die jeder anderen, damit steigt die Nachfrage nach Waren, und damit ist die Grundlage der Akkumulation im allgemeinen gegeben. „In der kapitalistischen Produktionsweise besteht die Tendenz zur Anpassung der Akkumulation des Kapitals an das Wachstum der Bevölkerung.“ (1. c., S. 871.) Von diesem Kernpunkt aus leitet Bauer auch konsequent die charakteristische Bewegung des Kapitals und ihre Formen ab.

Zuerst der Zustand des Gleichgewichts zwischen Produktion und Bevölkerung, d. h. jene mittlere Linie, um welche die Konjunkturen gravitieren.

Bauer nimmt beispielsweise an, daß die Bevölkerung um fünf Prozent jährlich wachse.

„Soll das Gleichgewicht erhalten bleiben, muß also auch das variable Kapital jährlich um fünf Prozent steigen.“ Da der technische Fortschritt immer wieder den konstanten Kapitalteil (tote Produktionsmittel) auf Kosten des variablen (Löhne für die Arbeitskraft) relativ steigert, so nimmt Bauer an, um dies recht kräftig zu betonen, das konstante Kapital wachse zweimal so schnell wie das variable, d. h. um 10 Prozent jährlich. Auf dieser Grundlage baut er jene „einwandfreien“ Tabellen, deren Operationen wir bereits kennen und die uns nunmehr lediglich durch ihren

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