Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 5, S. 478

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ökonomischen Inhalt interessieren sollen. In diesen Tabellen läßt Bauer schlecht und recht das gesamte gesellschaftliche Produkt glatt draufgehn und schließt: „Die Erweiterung des Produktionsfeldes, die eine Voraussetzung der Akkumulation bildet, ist hier durch das Wachstum der Bevölkerung gegeben.“ (1. c., S. 869.)

Der springende Punkt dieses „Gleichgewichtszustandes“, bei dem die Akkumulation glatt vor sich geht, ist also die Bedingung, daß das variable Kapital ebenso schnell wächst wie die Bevölkerung. Verweilen wir einen Augenblick bei diesem Bauerschen Grundgesetz der Akkumulation.

Die Bevölkerung wächst in seinem Beispiel um 5 Prozent jährlich, deshalb muß auch das variable Kapital um 5 Prozent wachsen. Aber was heißt denn das? Das „variable Kapital“ ist ja eine Wertgröße, ist die Summe der Löhne, die an die Arbeiter gezahlt werden, ausgedrückt in einem gewissen Geldbetrag. Dieser kann ganz verschiedene Mengen von Konsumgütern repräsentieren. Im allgemeinen muß, bei Annahme eines allgemeinen technischen Fortschritts, also steigender Produktivität der Arbeit, eine relativ immer geringere Summe des variablen Kapitals einer bestimmten Menge Konsummittel entsprechen. So daß, wenn die Bevölkerung jährlich um 5 Prozent wächst, das variable Kapital jährlich, sagen wir, nur um 43/4, 41/3, 41/4, 4 Prozent usw. zu wachsen braucht, um dieselbe Lebenshaltung zu ermöglichen. Und Bauer setzt ja allgemeinen technischen Fortschritt voraus, da er, um ihn auszudrücken, gerade ein doppelt so rasches Wachstum des konstanten Kapitals annimmt. Bei dieser Annahme ist das gleichmäßige Steigen des variablen Kapitals mit dem Wachstum der Bevölkerung nur in einem Falle denkbar: wenn trotz des rapiden und anhaltenden technischen Fortschritts in allen Produktionszweigen, also der steigenden Produktivität der Arbeit, die Warenpreise immer unverändert bleiben. Aber das wäre nicht nur theoretisch ein Begräbnis der Marxschen Wertlehre, sondern auch praktisch eine Unbegreiflichkeit vom kapitalistischen Standpunkt. Ist doch die Verbilligung der Waren als Waffe im Konkurrenzkampf gerade der Stimulus für das Einzelkapital, um als Pionier des technischen Fortschritts aufzutreten.

Oder halt! Sollen wir uns die Sache etwa so denken: Trotz der steigenden Produktivität der Arbeit und der dadurch bedingten fortschreitenden Verbilligung der Lebensmittel bleiben die Geldlöhne (das variable Kapital als Wertgröße) unverändert, weil die Lebenshaltung der Arbeiter mit dem Fortschritt entsprechend steigt. Hier wäre also der soziale Aufstieg der Arbeiterklasse berücksichtigt. Wenn jedoch diese Steigerung der Lebenshaltung der Arbeiter eine so starke und nachhaltige ist, daß das

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