Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 5, 4. Auflage, Dietz Verlag Berlin 1990, S. 513

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schaft“ selbst gar nicht aufrichtig als wissenschaftliche Voraussetzung, d. h. als ernstgemeinte einzige Basis der Untersuchung genommen, sondern er konstruierte sie, schon im voraus mit einem Auge nach den übrigen, nichtkapitalistischen Ländern schielend. Er unterhielt uns des langen und breiten über den kunstreichen „Mechanismus“ einer kapitalistischen Gesellschaft, die allein für sich existieren und blühen könne, und hielt dabei die ganze Zeit stillschweigend die nichtkapitalistische Umgebung vorrätig, um, wenn er auf der Insel Robinsons in die Klemme gerät, den Imperialismus erklären zu müssen, schließlich mit diesem nichtkapitalistischen Milieu herauszurücken!

Wer die Fußnoten und die gelegentlichen kritischen Bemerkungen im ersten Bande des „Kapitals“ aufmerksam gelesen hat, worin Marx sich mit den theoretischen Handgriffen der Say, J. S. Mill, Carey usw. auseinandersetzt, wird sich ungefähr vorstellen können, wie er einer solchen wissenschaftlichen Methode auf die Finger klopfen würde.

Wie dem auch sei, wir sind schließlich beim Imperialismus angelangt. Das Schlußkapitel des Bauerschen Aufsatzes trägt die Überschrift „Die Erklärung des Imperialismus“. Danach darf der Leser wohl hoffen, eine solche endlich zu finden. Nachdem Bauer erklärt, ich hätte bloß eine Wurzel, „nicht die einzige“, des Imperialismus aufgedeckt, müßte man füglich erwarten, er selbst würde nunmehr vom Standpunkt seiner Auffassung die anderen Wurzeln bloßlegen. Leider tritt nichts derartiges ein. Bauer unterläßt es bis zum Schluß, die anderen Wurzeln auch nur mit einer Silbe anzudeuten, er hütet das Geheimnis. Es bleibt trotz der vielversprechenden Überschrift und Einleitung des Schlußkapitels bei der einen armseligen „Wurzel“ des Imperialismus, die den „echten Kern“ meiner falschen Erklärung bildet.

Bei alledem aber hat Bauer mir schon viel zu viel konzediert, und zwar gerade um die „eine Wurzel“, die er wohlwollend als „echt“ akzeptiert. Es handelt sich nämlich auch hier um ein Entweder – Oder, und der Kompromiß, den Bauer zu schließen versucht, ist im Grunde genommen so unhaltbar und kurzatmig wie die meisten Kompromisse.

Wenn seine auf das „Bevölkerungswachstum“ aufgepropfte Theorie der Akkumulation richtig wäre, dann ist die bewußte „Wurzel“ völlig unnötig, denn dann ist Imperialismus einfach unmöglich.

In der Tat, erinnern wir uns, worin der „Mechanismus“ der Bauerschen Akkumulation besteht! Er besteht ja darin, daß die kapitalistische Produktion ihren Umfang automatisch immer wieder dem Wachstum der Arbeiterklasse anpaßt. In welchem Sinne kann denn da von einer „Grenze“

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