Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 5, S. 507

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lation“, also des langsamsten Wachstums, des Mangels an disponiblem Kapital im Vergleich zur Arbeiterklasse.

Zweitens aber gehört zu plötzlichen Expansionen nicht bloß plötzliche Erweiterung der Absatzmärkte als Voraussetzung, sondern auch disponible, bereits akkumulierte Kapitalreserve, jene Reserve, die, wie Marx sagt, „der Kredit, unter jedem besondren Reiz, im Umsehn ... der Produktion als Zusatzkapital zur Verfügung stellt“[1]. Bei Bauer ist derartiges ausgeschlossen. Ist doch in seinem „Mechanismus“ ein Wiederaufschwung aus der Phase der „Unterakkumulation“ erst in dem Maße möglich, wie unter dem Druck der Arbeitslosigkeit die allgemeine Lohndrückerei eine Neuansammlung des Kapitals gestattet!

Indem so die plötzliche Expansion des Kapitals vom Standpunkt des Bauerschen „Mechanismus“ gleich unerklärlich bleibt wie der Ausbruch der Krise, gibt es darin für die industrielle Reservearmee keine eigentliche Funktion. Bauer läßt sie zwar als ein Produkt des technischen Fortschritts periodisch auftauchen, weiß ihr aber keine Rolle zuzuweisen, als bloß die, welche bei Marx erst auf dem zweiten Plan erscheint: als Bleigewicht der beschäftigten Arbeiter auf die Löhne zu drücken. Hingegen das, was sie nach Marx zur „Existenzbedingung“, zum „Hebel“ der kapitalistischen Produktionsweise macht, existiert bei Bauer gar nicht. Und daß Bauer in der Tat nicht weiß, was er mit der Reservearmee anfangen soll, beweist schon der humoristische Umstand, daß er sie im Verlaufe des industriellen Zyklus dreimal „aufgesogen“ werden läßt: beim Tiefstand der „Unterakkumulation“, auf dem Höhepunkt der „Überakkumulation“ und auch noch beim Durchschnittsniveau des Gleichgewichts!

Diese Wunderlichkeiten rühren aus einem einfachen Grunde her: weil bei Bauer die ganze Bewegung der Arbeiterbevölkerung nicht um des Kapitals und seiner „Verwertungsbedürfnisse“ willen da ist, wie bei Marx und in der realen Wirklichkeit, sondern umgekehrt, die ganze Kapitalbewegung sich um die Arbeiterbevölkerung und ihr Wachstum dreht. Dem Kapital geht es bei Bauer wie dem Hasen mit dem Swinegel: Es hetzt nur immer keuchend hinter der Arbeiterbevölkerung hin und her, um sie bald im Satz zu überholen, bald hinter ihr zurückzubleiben und immer wieder am Ziel zu hören: Hei, da bün ich schon!

Aber bei Marx ist der Gedanke, daß die Arbeiterbevölkerung sich in ihrer Vermehrung völlig dem Kapital und seinen jeweiligen Marktaussichten anpaßt, daß sie von ihnen beherrscht, hin und her geworfen wird, der Grundgedanke des ganzen letzten Teiles des ersten Bandes. Von

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[1] Karl Marx: Das Kapital, Erster Band. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 661.