Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 5, 4. Auflage, Dietz Verlag Berlin 1990, S. 277

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lose Lebensfähigkeit des Kapitals bewiesen hat. Die Akkumulation ist die spezifisch kapitalistische Methode der Erweiterung der Produktion, der Entwicklung der Produktivität der Arbeit, der Entfaltung der Produktivkräfte, des ökonomischen Fortschritts. Ist die kapitalistische Produktionsweise imstande, schrankenlos die Steigerung der Produktivkräfte, den ökonomischen Fortschritt zu sichern, dann ist sie unüberwindlich. Der wichtigste objektive Pfeiler der wissenschaftlichen sozialistischen Theorie bricht dann zusammen, die politische Aktion des Sozialismus, der Ideengehalt des proletarischen Klassenkampfes hört auf, ein Reflex ökonomischer Vorgänge, der Sozialismus hört auf, eine historische Notwendigkeit zu sein. Die Beweisführung, die von der Möglichkeit des Kapitalismus ausging, landet bei der Unmöglichkeit des Sozialismus.

Die drei russischen Marxisten waren sich des von ihnen im Gefecht vollzogenen Terrainwechsels wohl bewußt. Struve machte sich freilich über den Verlust des teuren Pfandes vor Jubel über die Kulturmission des Kapitalismus weiter keine Sorgen.[1] Bulgakow suchte das in die sozialistische Theorie gerissene Leck notdürftig mit einem anderen Fetzen dieser Theorie zu verstopfen: Er erhoffte, daß die kapitalistische Wirtschaft dennoch trotz ihres immanenten Gleichgewichts zwischen Produktion und Absatz zugrunde gehen müsse, und zwar: an dem Fall der Profitrate. Dieser etwas nebelhafte Trost wird aber durch Bulgakow selbst zum Schluß vernichtet, wo er, auf die letzte Rettungsplanke, die er dem Sozialismus hingestreckt hatte, vergessend, plötzlich Tugan-Baranowski belehrt, daß der relative Fall der Profitrate für große Kapitale durch das absolute Wachstum des Kapitals wettgemacht werde.[2]

Endlich Tugan-Baranowski, der konsequenteste von allen, reißt mit der derben Freude eines Naturburschen sämtliche objektive ökonomische Pfeiler der sozialistischen Theorie nieder und baut die Welt in seinem

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[1] In einer 1901 herausgegebenen Sammlung seiner russischen Aufsätze sagt Struve in der Einleitung: „Im Jahre 1894, als der Verfasser seine ‚Kritischen Bemerkungen zur Frage der ökonomischen Entwicklung Rußlands‘ veröffentlichte, war er in der Philosophie kritischer Positivist, in der Soziologie und Nationalökonomie ausgesprochener, wenn auch durchaus nicht orthodoxer Marxist. Seitdem haben sowohl der Positivismus wie der auf ihn gestützte (!) Marxismus aufgehört, für den Verfasser die ganze Wahrheit zu sein, haben aufgehört, seine Weltanschauung völlig zu bestimmen. Er sah sich genötigt, auf eigene Faust ein neues Gedankensystem zu suchen und auszuarbeiten. Der bösartige Dogmatismus, der Andersdenkende nicht nur widerlegt, sondern sie auch noch moralisch-psychologisch spioniert, erblickt in einer solchen Arbeit nur ‚epikureische Flatterhaftigkeit des Sinnes‘. Er ist nicht imstande zu begreifen, daß das Recht der Kritik an sich eins der teuersten Rechte des lebendigen, denkenden Individuums ist. Auf dieses Recht gedenkt der Verfasser nicht zu verzichten, und sollte ihm auch ständig die Gefahr drohen, unter der Anklage der ‚Unbeständigkeit‘ zu stehen.“ (Ober verschiedene Themen, Petersburg 1901.) – [Fußnote im Original]

[2] Siehe Bulgakow: l. c., S. 252. – [Fußnote im Original]