Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 5, 4. Auflage, Dietz Verlag Berlin 1990, S. 218

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„Die Nationalökonomen haben seit A. Smith einander nachgesprochen und es als allgemeine und absolute Wahrheit aufgestellt, daß das Kapital nur durch Sparen und Ansammeln entstehe.“[1] Gegen diese „Verirrung“ zieht nun Rodbertus wohlgerüstet zu Felde, und er weist auf 60 Druckseiten haarklein nach, daß Kapital nicht durch Sparen, sondern durch Arbeit entsteht, daß der „Irrtum“ der Nationalökonomen in bezug auf das „Sparen“ daher rühre, weil sie die irrtümliche Auffassung hätten, die Produktivität hafte dem Kapital an, dieser Irrtum endlich von einem anderen Irrtum: daß Kapital – Kapital sei.

v. Kirchmann seinerseits verstand sehr gut, was hinter dem kapitalistischen „Sparen“ steckt. Er führt ganz hübsch aus: „Kapitalansammlung besteht bekanntlich nicht in dem bloßen Anhäufen von Vorräten oder in dem Sammeln von Metall- und Geldvorräten, die dann in den Kellern des Eigentümers ungenützt liegenbleiben, sondern wer sparen will, tut es, um selbst oder durch andere seine ersparte Summe als Kapital wieder nutzbar anzuwenden, um davon Revenuen zu ziehen. Diese Revenuen sind nur möglich, wenn diese Kapitale zu neuen Unternehmungen verwendet werden, die durch ihre Produkte imstande sind, jene verlangten Zinsen abzuwerfen. Der eine baut ein Schiff, der andere baut eine Scheune, der dritte kultiviert damit eine öde Heide, der vierte läßt sich eine neue Spinnmaschine kommen, der fünfte kauft mehr Leder und nimmt mehr Gesellen an, um seine Schuhmacherprofession zu erweitern usw. Erst in dieser Anwendung kann das gesparte Kapital Zinsen (soll heißen: Profit – R. L.) tragen, was der Endzweck alles Sparens ist.“[2] Was v. Kirchmann hier mit unbeholfenen Worten, aber im ganzen richtig schildert, ist nichts anderes als der Prozeß der Kapitalisierung des Mehrwerts, der kapitalistischen Akkumulation, die ja den ganzen Sinn des von der klassischen Ökonomie „seit A. Smith“ mit richtigem Instinkt befürworteten „Sparens“ ausmacht. v. Kirchmann ist denn von seinem Standpunkt ganz konsequent, wenn er, da nach seiner Auffassung – wie bei Sismondi – die Krisen sich direkt aus der Akkumulation ergeben, gegen die Akkumulation, gegen das „Sparen“ zu Felde zieht. Rodbertus ist auch hier der „gründlichere“ Mann. Er hat zu seinem Unglück aus der Ricardoschen Werttheorie die Einsicht gewonnen, daß Arbeit die einzige Quelle des Werts, also auch des Kapitals ist. Und diese elementare Weisheit genügt ihm vollständig, um ihn für alle komplizierten Verhältnisse der Kapitalproduktion und der Kapitalbewegungen völlig blind zu machen. Da Kapital durch Arbeit entsteht, so ist

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[1] l. c., Bd. I. S. 240. – [Fußnote im Original]

[2] I. c., Bd. II, S. 25. – [Fußnote im Original]