Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 5, 4. Auflage, Dietz Verlag Berlin 1990, S. 715

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verwandelt. Die Viehform aber, das ist, wie wir wissen, die offizielle gesellschaftliche Form der Arbeit, und in dieser kann sie der Schuster solange aufbewahren, wie er will; denn er weiß, er hat es jederzeit in der Hand, sein Arbeitsprodukt wieder aus der Viehform in jedes beliebige umzutauschen, das heißt, einen Kauf zu machen.

Ebendadurch wird aber das Vieh jetzt auch zum Mittel, den Reichtum aufzusparen und zu sammeln, es wird zum Schatzmittel. Solange der Schuster seine Produkte nur direkt gegen Lebensmittel eintauschte, arbeitete er auch nur so viel, wie er brauchte, um seine täglichen Bedürfnisse zu decken. Denn was hätte es ihm genützt, Stiefel auf Vorrat zu arbeiten oder gar große Vorräte an Brot, Fleisch, Hemden, Hüten usw. zu machen? Gegenstände des täglichen Gebrauchs werden meistens durch längeres Aufbewahren und Lagern nur beschädigt oder gar unbrauchbar gemacht. Nun aber kann der Schuster das Vieh, das er für seine Arbeitsprodukte kriegt, aufbewahren als Mittel für die Zukunft. Nun erwacht in unserem Meister auch die Sparsamkeit, er sucht soviel wie möglich zu verkaufen, hütet sich aber, alles erhaltene Vieh wieder auszugeben; im Gegenteil, er sucht es anzusammeln, denn da das Vieh allezeit zu allem gut ist, so spart und häuft er es für die Zukunft auf, und er läßt so die Früchte seiner Arbeit seinen Kindern als Erbteil.

Das Vieh wird zugleich auch zum Mali aller Werte und Arbeiten. Wenn der Schuster wissen will, was sein Paar Schuhe ihm im Tausch einbringen wird, was sein Produkt wert ist, so sagt er sich zum Beispiel: Ich kriege ein halbes Rind pro Paar, mein Paar Stiefel ist ein halbes Rind wert.

Endlich wird das Vieh auf diese Weise zum Inbegriff des Reichtums. Nun sagt man nicht: Dieser oder jener ist reich, weil er viel Korn, Herden, Kleider, Schmucksachen, Diener hat, sondern: Er hat viel Vieh. Man sagt: Hut ab vor dem Manne, er ist 10 000 Ochsen „gut“. Oder man sagt: Armer Kerl, er ist ganz viehlos!

Wie Sie sehen, kann die Gesellschaft mit der Verbreitung des Viehs als allgemeines Tauschmittel nur noch in Viehformen denken. Man redet und träumt immerwährend von Vieh. Es bildet sich eine förmliche Viehanbetung und Viehbewunderung. Ein Mädchen wird am liebsten geheiratet, wenn seine Reize durch große Viehherden als Mitgift erhöht werden, auch wenn nicht ein Schweinezüchter, sondern ein Professor, ein Geistlicher oder ein Dichter der Freier ist. Vieh ist der Inbegriff des menschlichen Glückes. Auf das Vieh und seine wunderbare Macht werden Gedichte gemacht, um des Viehs wegen werden Verbrechen und Mordtaten ausgeübt.

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