Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 5, S. 510

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ist, sofern sie nur über eine jeweils bestimmte Grenze (nämlich das Wachstum der verfügbaren Arbeiterbevölkerung – R. L.) nicht hinausgeht; 2. daß sie zu dieser Grenze selbsttätig zurückgeführt wird durch den Mechanismus der kapitalistischen Produktionsweise selbst.“ (1. c., S. 873.)

Und gleich darauf faßt Bauer nochmals die Quintessenz seiner Untersuchungen in ihrer praktischen Anwendung in einem Schlußkapitel zusammen. Hier lesen wir:

„Die Genossin Luxemburg erklärt den Imperialismus in folgender Weise: In einer isolierten kapitalistischen Gesellschaft wäre Verwandlung des Mehrwertes in Kapital unmöglich. Sie wird nur dadurch ermöglicht, daß die Kapitalistenklasse ihren Absatzmarkt stetig erweitert, um in Gebieten, die noch nicht kapitalistisch produzieren, jenen Teil des Mehrprodukts abzusetzen, in dem der akkumulierte Teil des Mehrwertes verkörpert ist. Diesem Zweck dient der Imperialismus. Diese Erklärung ist, wie wir gesehen, unrichtig. Akkumulation ist auch in einer isolierten kapitalistischen Gesellschaft möglich und notwendig.“ (1. c., S. 873. Von mir hervorgehoben – R. L.)

Auf dem Umwege einer neuen, extra erfundenen „Bevölkerungstheorie“ versteift sich also Bauer gleich den anderen „Sachverständigen“ darauf nachzuweisen, daß die kapitalistische Produktion und Akkumulation auch unter solchen Bedingungen blühen und gedeihen könne, die noch kein Sterblicher je in der realen Wirklichkeit angetroffen hat. Und auf dieser Grundlage will er an das Problem des Imperialismus herantreten!

Aber hier gilt es vor allem festzustellen: Indem Bauer sich den Anschein gibt, die Marxsche Auffassung, wie sie im zweiten Bande des „Kapitals“ niedergelegt ist, gegen mich zu verteidigen, unterschiebt er Marx wieder einmal ganz andere, von den Marxschen grundverschiedene Voraussetzungen eigenster Erfindung.

Bei Marx handelt es sich nämlich nicht um eine „isolierte kapitalistische Gesellschaft“, neben der also von vornherein andere, nichtkapitalistische als vorhanden angenommen werden, und nirgends habe ich von einer solchen gesprochen. Dieses abgeschmackte Bild ist erst in der theoretischen Phantasie Otto Bauers wie Venus aus dem Meerschaum erstanden. Erinnern wir uns, wie Marx seine Voraussetzungen formuliert. Im ersten Bande des „Kapitals“ sagt er ausdrücklich, er wolle, „um den Gegenstand der Untersuchung in seiner Reinheit, frei von störenden Nebenumständen aufzufassen“, annehmen, daß „die gesamte Handelswelt eine Nation“, ein ökonomisches Ganzes bilde und „daß die kapitalistische Produktion sich überall festgesetzt und sich aller Industriezweige bemächtigt“ habe

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