Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 5, S. 416

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ist. Nicht genug. Gegen diejenigen, die eine zustimmende Besprechung des Buches veröffentlicht hatten, wurde eine Art obrigkeitlicher Aktion eingeleitet, die namentlich vom Zentralorgan mit merkwürdiger Wärme betrieben wurde.[1] Ein beispielloser und an sich etwas komischer Vorgang: In Sachen einer rein theoretischen Arbeit über ein verwickeltes, abstrakt-wissenschaftliches Problem tritt die ganze Redaktion einer politischen Tageszeitung auf – von der höchstens zwei Mitglieder das Buch überhaupt gelesen haben dürften –, um ein korporatives Urteil über dasselbe zu fällen, indem sie Männern wie Franz Mehring und J. Karski jedes Sachverständnis in nationalökonomischen Fragen abspricht[2], um nur diejenigen, die mein Buch herunterrissen, als „Sachverständige“ zu bezeichnen!

Ein derartiges Schicksal war, soviel mir erinnerlich, noch keiner Neuerscheinung der Parteiliteratur, seit sie besteht, zuteil geworden, und es ist wirklich nicht lauter Gold und Perlen, was seit Jahrzehnten in den sozialdemokratischen Verlagen erscheint. Das Ungewöhnliche all dieser Vorgänge verrät deutlich, daß wohl noch andere Leidenschaften als „reine Wissenschaft“ durch das Buch so oder anders berührt worden sind. Doch um diese Zusammenhänge richtig zu beurteilen, muß man erst die einschlägige Materie wenigstens in den Hauptzügen kennen.

Worum handelt es sich in dem so heftig bekämpften Buche? Für das lesende Publikum erscheint die Materie durch ein äußeres und an sich nebensächliches Beiwerk in hohem Maße abschreckend: durch die dabei reichlich verwendeten mathematischen Formeln. Namentlich in den Kritiken meines Buches bilden diese Formeln den Mittelpunkt, und einige der gestrengen Herren Kritiker haben sogar unternommen, um mich gründlich zu belehren, neue und noch verwickeltere mathematische Formeln aufzubauen, bei deren bloßem Anblick den gewöhnlichen Sterblichen ein gelindes Grauen überkommt. Wir werden weiter sehen, daß diese Vorliebe meiner „Sachverständigen“ für die Schemata kein Zufall, sondern mit ihrem Standpunkt in der Sache selbst aufs engste verknüpft ist. Doch ist das Problem der Akkumulation an sich rein ökonomischer, gesellschaftlicher Natur, hat mit mathematischen Formeln nichts zu tun, läßt sich auch

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[1] Franz Mehring hatte eine positive Rezension an das sozialdemokratische Pressebüro gegeben, die von 25 sozialdemokratischen Zeitungen nachgedruckt worden war. Vom Parteivorstand und von der Redaktion des „Vorwärts” war Mehring daraufhin wegen „mißbräuchlicher Ausnutzung” des unter Leitung von Emil Eichhorn stehenden Pressebüros gerügt worden. Siehe dazu Vorwärts (Berlin), Nr. 36 vom 12. Februar 1913, Nr. 38 vom 14. Februar 1913, Nr. 40 vom 16. Februar 1913.

[2] Siehe Gustav Eckstein: Überflüssige Aufregung. In: Vorwärts (Berlin), Nr. 46 vom 23. Februar 1913.