Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 5, S. 262

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Staaten, in Indien und in – Rußland blüht ihm eine unumschränkte Entwicklung durch „Selbstgenügsamkeit“.

Doch abgesehen von diesen augenscheinlichen Seltsamkeiten, birgt die Bulgakowsche Argumentation in bezug auf den auswärtigen Handel wiederum ein fundamentales Mißverständnis. Das Hauptargument Bulgakows gegen die Skeptiker von Sismondi bis Nikolai-on, die zur Realisierung des kapitalistischen Mehrwerts den auswärtigen Absatzmarkt zu Hilfe nehmen zu müssen glaubten, ist folgendes: Diese Theoretiker betrachteten offenbar alle den auswärtigen Handel als „einen bodenlosen Abgrund“, in dem der im Innern unabsetzbare Überschuß der kapitalistischen Produktion auf Nimmerwiedersehen verschwinde. Demgegenüber hebt Bulgakow mit Triumph hervor, daß ja der auswärtige Handel durchaus kein „Abgrund“ und erst recht kein „bodenloser“ sei, daß er ein zweischneidiges Schwert darstelle und daß zur Ausfuhr stets auch Einfuhr gehöre, die sich beide so ziemlich die Waage zu halten pflegen. Was also durch die eine Grenze hinausgeschoben werde, das werde durch die andere Grenze bloß in veränderter Gebrauchsgestalt wieder hereingeschoben. „Für die eingeführten Waren, die das Äquivalent der ausgeführten darstellen, muß man in den Grenzen des gegebenen Absatzmarktes Platz finden, Platz ist aber nicht da, folglich zieht die Zuhilfenahme des auswärtigen Absatzes bloß neue Schwierigkeiten nach sich.“[1] An einer anderen Stelle sagt er, der Ausweg, den die russischen Volkstümler zur Realisierung des Mehrwerts gefunden hätten, die auswärtigen Märkte, sei „viel weniger glücklich als der Ausweg, den Malthus, v. Kirchmann und Woronzow selbst als Verfasser des Aufsatzes vom ‚Militarismus und Kapitalismus‘ gefunden hatten“[2]. Bulgakow verrät hier, daß er trotz all seiner begeisterten Wiedergabe der Marxschen Schemata der Reproduktion gar nicht begriffen hat, worin das eigentliche Problem liegt, um das die Skeptiker seit Sismondi bis Nikolai-on herumtasteten: Er lehnt den auswärtigen Handel als angeblichen Ausweg aus der Schwierigkeit ab, weil dieser den abgesetzten Mehrwert, „wenn auch in veränderter Gestalt“, wieder ins Land einführe. Bulgakow glaubt also, im Einklang mit der rohen Vor-

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[1] 1. c., S. 132. – [Fußnote im Original]

[2] 1. c., S. 236. Noch resoluter formuliert dieselbe Ansicht W. Iljin: „Der Romantiker (so nennt er die Skeptiker – R. L.) sagt: Die Kapitalisten können den Mehrwert nicht konsumieren und müssen ihn deshalb im Ausland absetzen. Geben denn etwa, fragt er sich, die Kapitalisten ihre Produkte umsonst an die Ausländer ab oder werfen sie sie etwa ins Meer? Sie verkaufen sie, also erhalten sie ein Äquivalent; sie führen Produkte aus, also führen sie andere ein.“ (Ökonomische Studien und Artikel, S. 26.) [W. I. Lenin: Zur Charakteristik der ökonomischen Romantik. In: Werke, Bd. 2; S. 156.] Im übrigen gibt Iljin eine viel richtigere Erklärung für die Rolle des auswärtigen Handels in der kapitalistischen Produktion als Struve und Bulgakow. – [Fußnote im Original]