Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 5, S. 249

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kategorischen Sinne spricht, man dabei nicht die Unternehmer als Einzelpersonen meint, sondern die Kapitalistenklasse als Ganzes, mitsamt ihrem Anhang an Angestellten, Staatsbeamten, liberalen Berufen usw. Alle diese „dritten Personen“, die gewiß in keiner kapitalistischen Gesellschaft fehlen, sind ökonomisch meist Mitesser des Mehrwerts, insofern sie sich nicht zum Teil auch als Mitesser des Arbeitslohns bewähren. Diese Schichten können ihre Kaufmittel nur entweder vom Arbeitslohn des Proletariats oder vom Mehrwert ableiten, und sie tun, so gut es geht, beides, müssen aber im großen und ganzen als Mitverzehrer des Mehrwerts betrachtet werden. Ihre Konsumtion ist somit in der Konsumtion der Kapitalistenklasse eingeschlossen, und wenn Struve sie durch eine Hintertür wieder auf die Bühne führt und sie dem Kapitalisten als „dritte Personen“ vorstellt, um ihm aus der Verlegenheit und zur Realisierung des Mehrwerts zu verhelfen, so wird der geriebene Profitmacher mit einem Blick in diesem „großen Publikum“ seinen Troß Parasiten erkennen, die ihm erst Geld aus der Tasche ziehen, um ihm hinterher mit diesem Gelde seine Waren abzukaufen. Mit den „dritten Personen“ Struves ist es also nichts.

Ebenso unhaltbar ist seine Theorie vom auswärtigen Absatz und dessen Bedeutung für die kapitalistische Produktion. Struve folgt hier ganz den „Volkstümlern“ in ihrer mechanischen Auffassung, wonach ein kapitalistisches Land, nach dem Schema eines professoralen Lehrbuches, erst den „inneren Markt“ möglichst gründlich abgrast, um sich dann, wenn dieser völlig oder nahezu erschöpft ist, nach auswärtigen Märkten umzusehen. Von hier aus gelangt Struve, in den Fußtapfen Wagners, Schäffles und Schmollers, auch zu der abgeschmackten Vorstellung, ein Land mit „großem Territorium“ und recht viel Volk könne in seiner kapitalistischen Produktion ein „abgeschlossenes Ganzes“ bilden und mit dem inneren Markte allein auf „unbestimmte Zeit“ auskommen.[1] Tatsächlich ist die

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[1] Die reaktionäre Seite der deutschprofessoralen Theorie von den „drei Weltreichen“ : Großbritannien, Rußland und Vereinigte Staaten, zeigt u. a. deutlich Professor Schmoller in seiner handelspolitischen Säkularbetrachtung, wo er mit Wehmut sein greises Gelehrtenhaupt über die „neumerkantilistischen“, will sagen: imperialistischen Gelüste der drei Hauptbösewichter schüttelt und für „die Ziele aller höheren geistigen, sittlichen und ästhetischen Kultur sowie des „sozialen Fortschritts“ – eine starke deutsche Flotte und einen europäischen Zollverein mit der Spitze gegen England und Amerika fordert:

„Für Deutschland erwächst aus dieser weltwirtschaftlichen Spannung als erste Pflicht die, sich eine starke Flotte zu schaffen, um eventuell auch, für den Kampf gerüstet, als Bundesgenosse von den Weltmächten begehrt zu sein. Es kann und soll keine Eroberungspolitik wie die drei Weltmächte treiben (denen aber Herr Schmoller – wie er an anderer Stelle sagt – „keine Vorwürfe“ machen will, „daß sie wieder in die Bahnen der riesenhaften Kolonialeroberung einlenkten“ – R. L.). Aber es muß eventuell eine fremde Blockade der Nordsee brechen, seine Kolonien und seinen großen Handel schützen, den Staaten, welche sich mit ihm verbünden, die gleiche Sicherheit bieten können.

Deutschland wie Österreich–Ungarn und Italien, zum Dreibund vereinigt, haben mit Frankreich die Aufgabe, der zu aggressiven, für alle mittleren Staaten bedrohlichen Politik der drei Weltmächte die Mäßigung aufzuerlegen, die im Interesse des politischen Gleichgewichts, im Interesse der Erhaltung aller anderen Staaten wünschenswert ist: nämlich die Mäßigung in der Eroberung, im Kolonieerwerb, in der einseitigen, überspannten Schutzzollpolitik, in der Ausbeutung und Mißhandlung aller Schwächeren ... Auch die Ziele aller höheren geistigen, sittlichen und ästhetischen Kultur, aller soziale Fortschritt hängt davon ab, daß im 20. Jahrhundert nicht die ganze Erde zwischen die drei Weltreiche aufgeteilt und von ihnen ein brutaler Neumerkantilismus begründet werde.“ (Die Wandlungen in der europäischen Handelspolitik des 19. Jahrhunderts. In: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, XXIV. Jg., S. 381.) – [Fußnote im Original]