Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 5, S. 230

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Tatsache von entscheidender Bedeutung: Nicht bloß war die Marxsche Analyse der kapitalistischen Produktion, wie sie im ersten Band des „Kapitals“ niedergelegt ist, bereits Gemeingut des gebildeten Rußlands, sondern auch der zweite Band mit der Analyse der Reproduktion des Gesamtkapitals war schon 1885 erschienen. Das gab der Diskussion ein wesentlich anderes Gepräge. Das Problem der Krisen verstellte nun nicht mehr wie in den früheren Fällen den eigentlichen Kern der Erörterungen. Zum erstenmal war die Frage der Reproduktion des Gesamtkapitals, der Akkumulation, in reiner Gestalt in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung gerückt. Auch verlor sich die Analyse nicht mehr im hilflosen Herumtappen um die Begriffe Einkommen und Kapital, Einzelkapital und Gesamtkapital. Man stand nunmehr auf dem festen Gerüst des Marxschen Schemas der gesellschaftlichen Reproduktion. Und endlich handelt es sich diesmal überhaupt nicht mehr um eine Auseinandersetzung zwischen Manchestertum und Sozialreform, sondern zwischen zwei Spielarten des Sozialismus. Die Skepsis in bezug auf die Möglichkeit der kapitalistischen Entwicklung wird im Geiste Sismondis und zum Teil Rodbertus’ von der kleinbürgerlichen „volkstümlerisch“-konfusen Spielart des russischen Sozialismus vertreten, die sich aber selbst vielfach auf Marx beruft, der Optimismus – von der marxistischen Schule in Rußland. Es war somit ein völliger Wechsel der Szenerie eingetreten.

Von den zwei Hauptwortführern der „volkstümlerischen“ Richtung war der eine, Woronzow, bekannt in Rußland hauptsächlich unter seinem schriftstellerischen Pseudonym „W. W.“ (seinen Initialen), ein wunderlicher Heiliger, der in der Nationalökonomie völlig konfus und als Theoretiker überhaupt nicht ernst zu nehmen war. Der andere dagegen, Nikolai-on (Danielson), ein Mann von umfassender Bildung und gründlicher Kenner des Marxismus, Herausgeber der russischen Übersetzung des ersten Bandes des „Kapitals“, persönlicher Freund von Marx und Engels, mit beiden in einem regen Briefwechsel (der 1908 in russischer Sprache im Druck erschienen ist). Namentlich Woronzow hatte jedoch in den 80er Jahren einen großen Einfluß auf die öffentliche Meinung der russischen Intelligenz ausgeübt, und gegen ihn mußte der Marxismus in Rußland in erster Linie den Kampf ausfechten. In der uns interessierenden Frage der allgemeinen Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus erstand den beiden genannten Vertretern der Skepsis in den 90er Jahren eine ganze Reihe von Widersachern, eine neue Generation russischer Marxisten, die, ausgerüstet mit der historischen Erfahrung und dem Wissen Westeuropas, neben Georg Plechanow in die Schranken traten: Professor Kablukow,

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