Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 5, S. 208

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Kapital ist, wiederhole ich, nur zur Produktion da.“ Weiter aber sachlich: „Oder sollen sie (die Unternehmer) gar die akuten Leidenszufälle chronisch machen, indem sie von Anbeginn an und fortwährend mit geringeren Kräften, als sie in ihren Mitteln wirklich besitzen, arbeiten und auf diese Weise einen niedrigeren Grad der Heftigkeit mit einer unausgesetzten Dauer des Übels erkaufen? Selbst wenn man so töricht wäre, ihnen solchen Rat zu geben, sie würden ihn nicht zu befolgen vermögen. Woran sollten jene Weltproduzenten diese schon krankhafte Grenze des Marktes erkennen? Sie alle produzieren, ohne voneinander zu wissen, an den verschiedensten Ecken und Enden der Erde für einen Hunderte von Meilen entfernten Markt mit so riesigen Kräften, daß die Produktion eines Monats jene Grenze zu überschreiten genügt – wie ist es denkbar, daß eine so zerstückte und doch so mächtige Produktion die Übersicht jenes Genüges rechtzeitig zu gewinnen vermöchte? Wo sind nur die Anstalten, z. B. auf dem laufenden gehaltene statistische Büros, um ihnen dabei behilflich zu sein? Aber was schlimmer ist, der einzige Fühler des Marktes ist der Preis, sein Steigen und Fallen. Aber er ist nicht wie ein Barometer, das die Temperatur des Marktes vorhersagt, sondern wie ein Thermometer, das sie nur mißt. Fällt der Preis, so ist schon die Grenze überschritten und das Übel bereits da.“[1] Diese zweifellos gegen Sismondi gerichtete Polemik zeigt, daß zwischen beiden in der Auffassung der Krisen sehr wesentliche Unterschiede lagen; wenn deshalb Engels im „Anti-Dühring“ sagt, die Erklärung der Krisen aus Unterkonsumtion rühre von Sismondi her und von diesem habe sie Rodbertus entlehnt[2], so ist das, streng genommen, nicht genau. Gemeinsam ist Rodbertus wie Sismondi nur die Opposition gegen die klassische Schule sowie die Erklärung der Krisen im allgemeinen aus der Verteilung des Einkommens. Aber auch hier folgt Rodbertus seiner eigenen Privatschrulle. Nicht die Niedrigkeit des Einkommens der Arbeitermasse bewirke die Überproduktionen und auch nicht die beschränkte Konsumtionsfähigkeit der Kapitalisten, wie bei Sismondi, sondern lediglich die Tatsache, daß das Einkommen der Arbeiter mit dem Fortschritt der Produktivität einen immer geringeren Teil des Produktenwertes darstellt. Rodbertus weist seinem Widerpart ausdrücklich nach, daß nicht aus der Geringfügigkeit der Anteile der arbeitenden Klassen Absatzstockungen entspringen: „Stellen Sie sich“, belehrt er v. Kirchmann, „diese Anteile so klein vor, daß die Berechtigten nur das nackte Leben dabei haben,

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[1] 1. c., Bd. IV, S. 231. – [Fußnote im Original]

[2] Siehe Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Bd. 20, S. 267, Fußnote.