Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 5, 4. Auflage, Dietz Verlag Berlin 1990, S. 162

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Diesen Windungen des schottischen Schlangenmenschen war Sismondi nun nicht ganz gewachsen. Er, der seinen Mac bis jetzt Schritt für Schritt an die Wand gedrückt und ihm „offenbare Abgeschmacktheit“ nachgewiesen hat, verwirrt sich selbst in dem entscheidenden Punkte der Kontroverse. Er hätte seinem Widerpart auf die obige Tirade offenbar kühl erklären müssen: „Verehrtester! Alle Achtung vor Ihrer geistigen Biegsamkeit, aber Sie suchen ja der Sache wie ein Aal zu entschlüpfen. Ich frage die ganze Zeit: Wer wird Abnehmer der überschüssigen Produkte sein, wenn die Kapitalisten, statt ihren Mehrwert ganz zu verprassen, ihn zu Zwecken der Akkumulation, d. h. zur Erweiterung der Produktion, verwenden werden? Und Sie antworten mir darauf: Je nun, sie werden diese Erweiterung der Produktion in Luxusgegenständen vornehmen, und diese Luxusgegenstände werden sie natürlich selbst verzehren. Aber das ist ja ein Taschenspielerkunststück. Denn sofern die Kapitalisten den Mehrwert in Luxus für sich selbst verausgaben, verzehren sie ihn ja und akkumulieren nicht. Es handelt sich aber gerade darum, ob die Akkumulation möglich ist, nicht um persönlichen Luxus der Kapitalisten! Geben Sie also entweder darauf – wenn Sie können – eine klare Antwort, oder begeben Sie sich selbst dorthin, wo Ihr Wein und Tabak oder meinetwegen der Pfeffer wächst.“

Statt so dem Vulgarus den Daumen aufs Auge zu drücken, wird Sismondi plötzlich ethisch, pathetisch und sozial. Er ruft: „Wer wird die Nachfrage stellen, wer wird genießen, die ländlichen und die städtischen Herren oder ihre Arbeiter? In seiner (Macs) neuen Annahme haben wir einen Überschuß an Produkten, einen Gewinn an der Arbeit. Wem verbleibt er?“ Und er antwortet selbst mit der folgenden Tirade:

„Wohl wissen wir – und die Geschichte des Handels lehrt es uns genügsam –, daß nicht der Arbeiter es ist, der von der Vervielfältigung der Produkte Nutzen hat, sein Lohn wird nicht vermehrt. Ricardo hat selbst einmal gesagt, daß es nicht sein dürfe, wenn man das Anwachsen des öffentlichen Reichtums nicht aufhören lassen wolle. Eine grauenhafte Erfahrung lehrt uns im Gegenteil, daß der Arbeitslohn vielmehr fast stets im Verhältnis zu dieser Vermehrung vermindert wird. Worin besteht dann aber die Wirkung des Anwachsens der Reichtümer für die öffentliche Wohlfahrt? Unser Verfasser hat tausend Pächter angenommen, die genießen, während hunderttausend Landarbeiter arbeiten, tausend Fabrikanten, die sich bereichern, während hunderttausend Handwerker unter ihrem Befehl stehen. Das etwaige Glück, das der Vermehrung der leichtfertigen Genüsse des Luxus entspringen kann, wird also nur einem Hun-

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