Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 7.1, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2017, S. 493

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Die Hansa vertritt die zurückgebliebenere Linie der Entwicklung gegenüber fortschrittlichen Tendenzen.

Sie ist hineingeschoben in die städtische Renaissance Italiens und die Manufakturperiode Hollands.

Wenn auch die einzelnen Phasen der Geschichte nacheinander sich ablösen, so ist das doch im Zusammenhang eine Linie der Entwicklung, und das eine wäre ohne das andere nicht möglich.

Das Charakteristische, was wir aus dem Vorhergehenden abzuleiten haben, ist:

Die Hansa mußte zugrunde gehen. Der Handel wuchs über die Grenzen der Hansa hinaus. Die Entdeckungen führten den Welthandel herbei, die Kolonialpolitik wird nun möglich. Die Hansa vertrat ausschließlich Handelsinteressen, der Umschwung der Produktionsform und der des Handels wurde von ihr nicht berücksichtigt. Sie konnte ihm nicht gerecht werden dank ihrer geographischen Lage. Die Niederlande und England waren die ersten Länder, die von dieser Verschiebung etwas profitierten.

Die Produktion war über die kleinen Zentren der Städte bereits hinausgewachsen. Die Hansa bestand aber gerade als Vereinigung einiger kleiner städtischer Zentren. Auf der einen Seite war die städtische Entwicklung in Deutschland nicht hoch genug gelangt, als daß die Städte einen festen geschlossenen Bund hätten bilden können. Auf der anderen Seite kam in Deutschland auch der Absolutismus nicht zu kraftvoller Gestaltung wie anderswo, um entgegen dem Feudalismus Träger eines neuen Produktionszeitalters werden zu können. Es war der Partikularismus, die Kleinstaaterei, die nicht stark genug war, ein großes Ganzes zu bilden, aber stark genug, die Entwicklung der Städte hintanzuhalten.

Mit der Städte-Entwicklung kommt allmählich die Warenproduktion auf. Sie bürgert sich zuerst in den Städten ein, während ringsherum der Feudalismus vorherrscht. Ringsherum blieb also noch die Form der organisierten, durch die Herrschaften geleiteten Wirtschaft.

Die Hansa richtet sich nach innen gegen das Aufstreben der Zünfte. Sie war so ein echt deutsches Produkt, ein zwiespältiges, zwischen zwei Epochen schwebendes Gebilde. Sie war wohl ein machtvolles Werkzeug der Entwicklung des Handels, aber von vornherein mit einer reaktionären Tendenz behaftet. Die Hansa war, wie überhaupt ganz Deutschland jener Zeit, ein Zwischensatz zwischen zwei Epochen. Nowgorod, ein wichtiger Stützpunkt des Hansahandels, wurde durch den Zarismus zerstört. Das war keine zufällige Erscheinung. Nowgorod stand als Vertreter der städtischen Autonomie dem aufstrebenden absolutistischen Zarentum strikte entgegen; dem mußte die aufstrebende städtische Freiheit weichen, und das bedeutete die Vernichtung Nowgorods. In ihm wurde die städtische Entwicklung Rußlands vernichtet. So spielt in den Untergang auch die noch größere russische Zurückgebliebenheit hinein.

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