Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 7.1, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2017, S. 344

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Besonders schwer lastete auf den Bauern noch der Militärdienst. Die Not trieb die Bauern dazu, während der Erntezeit bei irgendeinem Großgrundbesitzer zu arbeiten u. die Bearbeitung seines Feldes Frau u. Kindern zu überlassen. Das Los der Bauern wurde so unerträglich, daß sie es vorzogen zu fliehen und in den Städten als Lumpenproletarier ein erbärmliches Leben zu führen, als auf ihrem Hof zu verhungern. Teilweise kam es auch vor, daß sie im Winter als Fabrikarbeiter und im Sommer wieder als Bauern arbeiteten. Andere wieder ließen sich von Wucherern das nötige Geld zum Loskaufen vorstrecken und mußten sich dafür verpflichten, diese Summe mit Zinseszins zurück zu bezahlen, wozu sie in der Regel den Rest ihres Daseins brauchten.

Wir sehen, daß überall mit der Zersetzung der Markgenossenschaft gleichzeitig die Bildung von Privateigentum in ihrem Schoße verknüpft ist, und damit eine Verschiebung der Besitzverhältnisse. Der Kapitalismus entstand auf einem verhältnismäßig kleinen Kulturkreis, der sich um das Mittelmeer erstreckt.

Die Einrichtungen, die wir aus der Antike geschichtlich kennen, sind schon als Resultate der Zersetzung in Asien und Afrika zu erkennen. Die letzteren treten mit einer sehr scharf ausgeprägten Kastenbildung als Resultat der Klassenscheidung in die Geschichte ein. Wir finden vier Kasten, die Priesterkaste, Kriegerkaste, Bauernkaste und endlich als die tiefstehendste die Handwerkerkaste. Die Kasten sind entstanden durch die notwendig werdende Arbeitsteilung.

Auf dieser Stufe und auch noch in späterer Zeit finden wir zwischen einzelnen Stämmen und Völkern einen Antagonismus, der sich aus der beschränkten Produktivität der Arbeit erklärt.

Ausbeutung, sei es durch Fremdherrschaft oder durch eigene Volksgenossen, ist nur möglich, wenn die Produktivität der Arbeit einen Grad erreicht hat, der es ermöglicht, daß von dem Einzelnen mehr produziert wird, als er selbst zu seinem Lebensunterhalt braucht. (Engels, Ursprung, Seite 391)[1]

Neben der Markgenossenschaft finden wir um diese Zeit schon die Sklavenhaltung. Doch hatte die Sklavenwirtschaft hier noch keine wirtschaftliche Bedeutung. Der Übergang von der Markgenossenschaft zur Sklaverei vollzog sich ganz allmählich. Bürgerliche Gelehrte fassen die Sklaverei den Übergang von der Markgenossenschaft zur Sklaverei als einen historischen Sprung auf. Verursacht und ermöglicht einerseits [durch] Eroberung von Kriegsgefangenen, andererseits sehen sie hier eine Überlegenheit bestimmter Rassen.

Auf der Insel Kreta haben die Dorier die dortigen Einwohner tributpflichtig gemacht, d. h. sie mußten alles, was sie nicht selbst notwendig zu ihrem Lebensunterhalt brauchten, an die Dorier abliefern, welche sich davon ernährten. Hier sehen wir also zum ersten Mal in der Geschichte, daß ein Volk ganz auf Kosten eines anderen lebte.

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[1] Siehe Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Im Anschluß an Lewis H. Morgans Forschungen. In: MEW, Bd. 21, S. 156 f.