Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 7.1, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2017, S. 108

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Mancher wird fragen, was hat denn die Wissenschaft mit dem Klassenkampf zu tun. Es gibt auch in unseren Reihen Leute, die den Zusammenhang der Wissenschaft mit dem Klassenkampf leugnen. Diese haben weder von dem Inhalt der Nationalökonomie noch von dem Inhalt der anderen Wissenschaften eine Ahnung. Steht doch auch die moderne Naturwissenschaft in schroffem Gegensatz zu der katholischen, feudalen, absolutistischen Anschauung, und deshalb war sie ein Kampfmittel der aufstrebenden Bourgeoisie gegen die katholisch-feudal-absolutistische Welt.

Wo die bürgerlichen Nationalökonomen aufgehört haben, da hat Marx weitergebaut. Seine Lehre ist demnach ein Kind der bürgerlichen Gesellschaft, diese aber will ihr Kind nicht anerkennen. Deshalb wendet sich Marx mit seiner Lehre an das Proletariat, und hier findet er das Verständnis, welches den Gelehrten der bürgerlichen Gesellschaft infolge ihres Klasseninteresses verschlossen ist. – Die Vorläufer des heutigen Sozialismus, die Utopisten, ergingen sich in scharfer Kritik des Kapitalismus, aber sie glaubten, sie könnten dadurch zum Sozialismus kommen, daß sie den Menschen ein sozialistisches Ideal zeigten und sie aufforderten, dasselbe zu verwirklichen. Aber es fehlte die Brücke, auf der die Menschheit dies Ideal erreichen konnte. Deshalb verhallten die Worte der Utopisten ohne Erfolg. Dann kam Marx und wies nach, daß der Sozialismus nicht nur ein schönes Ideal ist, sondern daß er die Konsequenz ist, die sich aus der kapitalistischen Wirtschaft mit Notwendigkeit ergibt, und daß wir deshalb zum Sozialismus kommen müssen, wohin der Weg nicht nur durch die wirtschaftliche, sondern auch durch die politische Entwicklung führt. Marx hat unser Ideal, das sozialistische Endziel, auf einen wissenschaftlichen Boden gestellt; aber er hat uns zugleich auch einen Wegweiser gegeben, der uns auf Schritt und Tritt in den gegenwärtigen Verhältnissen des wirtschaftlichen und politischen Kampfes zurechtweist. Das Studium der Nationalökonomie ist demnach nicht nur als Grundlage für unser Zukunftsideal notwendig, sondern auch zur Erkenntnis der Verhältnisse der Gegenwart. Die Nationalökonomie ist die Wissenschaft aller Wissenschaften; sie bereitet den Boden, auf dem wir in das Land der Zukunft marschieren.

Vorwärts (Berlin),

Nr. 246 vom 20. Oktober 1907.[1]

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[1] Dieser Bericht ist in der RL-Bibliographie von Feliks Tych, 1962 (Jadwiga Kaczanowska przy konsultacji i wspólprácy Feliksa Tycha: Bibliografia Pierwodruków Rózy Luksemburg. Nadbitka Z pola walki, kwartalnik Poswiecony Dziejom Ruchu Robotniczego, Warschau 1962 Nr. 3 [19]), unter Nr. 423 ausgewiesen. Auf Wunsch Rosa Luxemburgs brachte der Vorwärts (Berlin) keine weiteren Berichte. Ihre Vorträge sollten nach ihren Vorstellungen 1908/1909 als Broschüren zur Popularisierung der Marxschen ökonomischen Lehre erscheinen. Sie bemühte sich jedoch vergeblich bei sozialdemokratischen Verlegern um eine Herausgabe. Siehe GW, Bd. 5, S. 7. Ihre Vorträge wurden folglich eine Vorstufe und Grundlage zu ihrer Schrift Einführung in die Nationalökonomie, die auf Grund ihrer wechselvollen Geschichte und widriger Umstände im Ersten Weltkrieg erstmalig 1925 von Paul Levi herausgegeben werden konnte. 1975 erfolgte die Wiedergabe in GW, Bd. 5, S. 524–778, nach dem handschriftlichen Originalmanuskript.